Frankfurt (ots) – Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Widerspruch. Die große Finanzkrise ging vom amerikanischen Immobilien- und Hypothekenmarkt aus und kulminierte vor zehn Jahren mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank – und dennoch steht der Aktienmarkt der Vereinigten Staaten eine Dekade später als großer Gewinner da. Mit einem Anstieg des S&P 500 von 144 Prozent seit dem 15. September 2008 haben US-Aktien europäische Dividendentitel – der Stoxx Europe liegt mit nur 40 Prozent im Plus – klar abgehängt.

Tatsächlich ist deutlich stärkere Entwicklung der US-Dividendentitel alles andere als widersprüchlich. Im Crash 2008/09 konnte sich Europa angesichts der engen wirtschaftlichen – und in der Finanzindustrie sehr ausgeprägten – Verflechtung nicht dem von den USA ausgehenden Abwärtssog entziehen. Anschließend war Europa, was Krisenreaktion und Aufräumarbeiten betraf, viel langsamer und weniger konsequent als die USA. Zudem wurde die Region von der sich anschließenden Euro-Staatsschuldenkrise bei weitem stärker negativ beeinflusst als die USA.

Hinzu kommen die grundsätzlichen strukturellen Vorteile der Vereinigten Staaten, die schon vor Lehman Bestand hatten, darunter wesentlich günstigere Rahmenbedingungen für Unternehmen, deren höhere Profitabilität, ein deutlich weiter entwickelter Finanzmarkt, eine ausgeprägte Risikokultur und hohe Innovationskraft.

Aufschluss bietet auch der Blick auf die Aktienbranchen. Der größte Verlierer in Europa seit der Lehman-Pleite ist der Bankensektor mit einer Einbuße des entsprechenden Stoxx-Subindex von mehr als 40 Prozent. Dagegen hat dieselbe Branche in den USA, gemessen am KBW Bank Index, um 66 Prozent zugelegt. Nach Lehman wurde die Bankenbranche in den USA viel schneller und konsequenter wieder auf die Beine gestellt als in Europa – etwa in Form staatlicher Kapitalzufuhr. Gerade die europäischen Banken wurden ab 2009 von der Euro-Krise hart getroffen und kämpfen vielfach immer noch mit gravierenden Problemen. Nicht zuletzt profitieren die US-Institute grundsätzlich von einem bei weitem größeren Heimatmarkt. Zudem weist der amerikanische Aktienmarkt einen besseren Branchen-Mix auf. So hat – um nur ein Beispiel zu nennen – die boomende Tech-Branche ein wesentlich höheres Gewicht als in Europa.

Derzeit erweist sich Trump als Trumpfkarte des US-Markts. Die Steuersenkungen treiben die Gewinne der amerikanischen Unternehmen an, der Handelskonflikt belastet die Aktienmärkte Europas, das wesentlich exportabhängiger ist, stärker als die der USA. Zudem wird Europa vom Chaos in Italien und dem drohenden ungeordneten Brexit belastet.

Allerdings könnten die europäischen Aktienmärkte ihren Rückstand durchaus in absehbarer Zeit zumindest teilweise abbauen. Ein Vorteil sind nämlich relativ zu den USA deutlich günstiger gewordene Bewertungen. Bei den italienischen Regierungsparteien waren zuletzt Ansätze fiskalpolitischer Vernunft zu erkennen, für den Brexit findet sich möglicherweise noch eine Lösung, durch die der Worst Case abgewendet wird. Über kurz oder lang könnte sich auch der Handelsdisput zwischen den Vereinigten Staaten und China entschärfen. Hinter den Kulissen soll es ja entsprechende Gespräche geben.

Insbesondere wenn die Verunsicherung durch den Handelskonflikt bzw. die Befürchtung einer Eskalation zu einem Handelskrieg verschwinden sollte, würde die stark zyklischen und exportabhängige Aufstellung der europäischen Aktienmärkte vom relativen Nachteil zum relativen Vorteil mutieren. Dann könnte die Region ihre Vorzüge, den Performance-Nachholbedarf im Vergleich zu den USA sowie die deutlich günstigeren Bewertungen, ausspielen.

Quellenangaben

Textquelle:Börsen-Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/30377/4061891
Newsroom:Börsen-Zeitung
Pressekontakt:Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren:

BGA zum Rentenpaket: Händler und Dienstleister besorgt über leichtfertigen … Berlin (ots) - "Die Koalition geht leichtfertig mit den Geldern der Beitrags- und Steuerzahler um. Händler und Dienstleister sind besorgt, dass erneut teure Rentenleistungen nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, anstatt die vorhandenen Gelder zielgerichtet zur Vermeidung von Altersarmut einzusetzen. Auch gut versorgte Rentnerinnen und Rentner und gut verdienende Beamte, die nebenbei einen Midi-Job ausüben, profitieren von der Umverteilung. Dies treibt die Beitragssätze für Versicherte und Arbeitgeber aus Handel und Dienstleistungen unnötig in die Höhe. Ohne die neuen Leistungsausweitunge...
China-CEEC Expo, ZJITS und CICGF erzielen fruchtbare Ergebnisse Ningbo, China (ots/PRNewswire) - Die 4. China-CEEC Investment and Trade Expo (China-CEEC Expo), die zusammen mit dem 20. China Zhejiang Investment and Trade Symposium (ZJITS) und der 17. China International Consumer Goods Fair (CICGF) in Ningbo in der chinesischen Provinz Zhejiang stattgefunden hat, wurde am 11. Juni erfolgreich beendet. Um sich die Multimedia-Pressemitteilung anzusehen, klicken Sie bitte hier: https://www.prnasia.com/mnr/ningbo_20180612.shtml Video - https://cdn4.prnasia.com/002071/mnr/201806/ningbo/video.mp4 Dank den erzielten Ergebnissen, die die Erwartungen übertrafen, kon...
US-Strafzölle gegen China Bielefeld (ots) - Als die Welt noch besser geordnet war, also vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, da übertrafen sich die Staatschefs insbesondere im Westen mit Lobreden auf den freien Handel. Die Schwellen- und Entwicklungsländer standen enorm unter Druck, ihre Grenzen für ausländische Waren zu öffnen - auch wenn das ihre eigenen Unternehmen, die noch nicht für den internationalen Wettbewerb fit gemacht waren, in Existenznot brachte. Schon damals war klar: Keiner von denen, die das hohe Lied der Globalisierung sangen, hatte selbst eine weiße Weste. Auch Europa nicht. Und vor alle...