Warum 2020 für Roboterjournalismus ein gutes Jahr wird

Der Begriff aus der Überschrift ist falsch. Journalismus ist, wenn eine Journalistin einen Kindersoldaten im Süd-Sudan interviewt oder der Lokalreporter sensibel über einsame alte Menschen in der Provinz berichtet. Natürlich auch, wenn einem international bekanntem Star im Interview wirklich Neuigkeiten entlockt werden.

Das alles wird „Roboterjournalismus“ nie sein. Aber ohne automatisch erstellte Inhalte haben Medien keine Zukunft, machen bald einfach keinen Sinn mehr.

Ich möchte jetzt sofort punktgenau informiert sein!“ – diese Anspruchshaltung des permanent an Informationsströme angeschlossenen Menschen ist nicht mehr umkehrbar. „Ich möchte jetzt wissen, wie in meinem Dorf, meiner Stadt, meinem Bundesstaat die Wettervorhersagen, die Arbeitsmarktzahlen, die Jobchancen, die Qualität der Badegewässer ist“ – diese Antworten lassen sich in immer mehr Staaten der Welt aus immer grösser werdenden Datenbergen herausfiltern und an die Mediennutzer weiterleiten.

 

In welcher Form diese Erkenntnisse aus Daten verbreitet werden ist immer unwichtiger, alle Informationskanäle können aus den Analysen bedient werden: mit dem Text kommt die Grafik, mit der WhatsApp-News kommt der Twitter-Post, mit der LinkedIn-News der Facebook-Beitrag. Von der Datenanalyse bis zur Ankunft des konsumierbaren Inhaltes bei den Nutzern vergehen weniger als eine Sekunde. Aus einem einzigen Datensatz Informationen für Tausende von Communities personalisiert bereit zu stellen kostet nur Strom für den Server und einen einmaligen Programmieraufwand, der kaum noch ins Gewicht fällt.

Für Medienhäuser, die Datenanalyse und automatisierte Inhalte-Erstellung beherrschen ergeben sich ganz neue und dringend benötigte Erlösmöglichkeiten: Daten, Berge von Daten von Stadt- und Kreisverwaltungen wollen in Zukunft aufbereitet werden, weil die Menschen immer mehr transparente Informationen erwarten – zu Recht. Zeiten, in denen Bundesämter in Feldherrenmanier über die Weitergabe oder Nicht-Weitergabe von Daten entschieden, sind vorbei. Warum soll ein Medienhaus nicht Expertise für Datenaufbereitung entwickeln?

„Roboterjournalismus“ steht noch ganz am Anfang, noch sind die Möglichkeiten dieser Medientechnologie nur ansatzweise umgesetzt. „In 2022 werden 90% aller News von einer Software erstellt worden sein“ – prognostiziert die eher bedächtige britische Rundfunkinstitution BBC. Die menschlichen Kollegen dort haben mit ihrer Einschätzung sicher recht. Meint der Roboter.

(Wolfgang Zehrt, Berlin)