Die KI ist schuld: Banker und Erntehelfer treffen sich beim Arbeitsamt

 

 

Meine Kunden sind immun gegen wirtschaftliche Schwankungen“, sagte mir zu Beginn des Jahres ein Vermögensberater, „künstliche Intelligenz und Digitalisierung sind für sie gelegentliche Partygespräche, aber haben keinen Einfluss auf die Vermögensverhältnisse“.

Seine Kunden gehören mit einem verfügbaren Vermögen ab 5 Millionen Euro zu denen, die in der Tat relativ entspannt auf das Ende der traditionellen Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft blicken können. Alle anderen werden Gewinner oder Verlierer sein, dazwischen gibt es wenig Platz.

Die beliebte Beschwichtigungsformel sagt, dass durch Künstliche Intelligenz und ausgereizte Digitalisierung – beide Entwicklungen gehen ohnehin immer mehr ineinander über – neue, bis dato unbekannte Tätigkeiten in gigantischer Größenordnung entstehen.  Wenn dies nicht passieren sollte, würde die Arbeitszeit in den Industriestaaten einfach immer weiter sinken.  Die dritte Variante ist nicht wahlkampfgeeignet, denn dann müsste darüber reden, dass Millionen Unbeschäftigte eine andere Gesellschaftsform brauchen als die gegenwärtige.

Ein Farmer, der vor 30 Jahren im kanadischen British Columbia mit 12 Helfern rund 400 andere Menschen ernähren konnte, versorgt heute mit derselben Anbaufläche mehr als 8.000 Menschen. Ohne einen einzigen Helfer mehr zu brauchen. In 5 Jahren werden es 3 Helfer sein, die zusammen mit dem Farmer rund 25.000 Menschen versorgen. Diese Test-Farmer in Kanada sind begeistert, der wirtschaftliche Ertrag wird absehbar explodieren. Richtig – die drei benötigten Mitarbeiter binden keine Säcke zu: zwei von ihnen überwachen den Ernteprozess von einem digitalen Headquarter aus, nur der Dritte hat noch „Ackerkontakt“ – manchmal streikt die Software ja doch mitten auf dem Feld.

Noch ist der Erntehelfer mit 12$ Dollar Stundenlohn die preisgünstigere Variante, um das Erntefahrzeug zu steuern, aber der Lenker oder die Lenkerin einer landwirtschaftlichen Maschine sind wie die Trucker Nordamerikas und Australiens oder die Taxi- und Kurierfahrer in aller Welt die letzte Generation ihrer Art.

Jeder Vergleich zu bislang stattgefundenen industriellen Revolutionen hinkt: der Kutschenlenker konnte mit vertretbaren Aufwand zum LKW-Fahrer werden, der Setzer in einem Medienunternehmen, bereits mit erheblich größeren Aufwand, zum IT-Experten umschulen. Es werden aber keine 250 Millionen KI-Experten benötigt. So viele Erntehelfer, Trucker und Taxifahrer gibt es weltweit.

In Afrika und in Asien werden auch in 20 Jahren noch menschliche Hände in der Agrarwirtschaft benötigt? Auf diesen Kontinenten wird zwar Arbeitskraft noch über einen langen Zeitraum preiswerter bleiben als der Millionenaufwand, perfekte ferngesteuerte Ernten und Aussaaten zu organisieren, aber ein anderer Einfluss wird auch hier die KI-Werkzeuge schnell einführen: der Wert landwirtschaftlicher Flächen nimmt bereits  dramatisch zu, während die verfügbaren Flächen bei noch weiter wachsender Weltbevölkerung abnehmen. Bis weit nach Nordeuropa hinein werden ausreichend feuchte Agrargebiete abnehmen (ausgenommen Teile Russlands), der Zwang zur Effizienz wird weiter wachsen. Selbst ein von den Lohnkosten her kaum ins Gewicht fallender Farmarbeiter in Nigeria kann keine drei Schichten am Tag abarbeiten, eine Maschine schon.

Während Erntehelfer, Trucker und Taxifahrer am Ende der industriellen Wertschöpfungskette stehen fühlen sich Hochqualifizierte oft sicher, dabei hat auch in den Finanzberufen, den Beratungen und Expertenbüros längst das heimliche Sterben begonnen. Nur wird von dem, was derzeit schon technisch mit einer fast 100%igen Hochverfügbarkeit in die white collar Industrie einsetzbar wäre, nur ein verschwindender Bruchteil eingesetzt. Warum?

Die Banken werden bis zu einem kaum sichtbare Schatten ihrer selbst schrumpfen, bei der Deutschen und bei der Commerzbank beschleunigt sich dieser Prozess bereits. Für exotische Spezialfälle wird es auch in einigen Jahre an einigen Standorten noch Banken geben, gebraucht werden sie weitgehend nicht mehr. Der Kelch der Kryptowährungen ist vorrübergehend an ihnen vorbeigegangen – der erfolgreiche Nachfolger des Bitcoin wird gerade irgendwo entwickelt,

Kryptowährungen werden sich durchsetzen, Blockchain-Technik noch schneller und das wird nicht nur Banken, sondern zunehmend auch Anwälte und Notare treffen. Banken wie N26 sind dabei noch nicht die Antwort auf das Ende der altehrwürdigen Geldhäuser, ein ähnliches Prinzip bieten die Online-Ableger der Alt-Banken schließlich auch an, nur sicherer und transparenter.

Dank der Versuche, tradierte Geschäftsmethoden in das Jahr 3000-X zu retten, bleiben radikale Innovationen zur Freude der Mitarbeiter oft noch Planspiel auf Top-Management-Ebene.

Der Prototyp hat mich völlig überzeugt“, sagte der Vorstand einer großen deutschen Bank, „aber das können wir nicht einführen, dass ist hauspolitisch nicht durchsetzbar“. Die relativ simple KI-Anwendung hatte aus Terrabyte von Daten in Millisekunden Risiko-Analysen für große Unternehmenskredite erstellt, einschließlich eines kompletten peer Group – Vergleiches, auch aus externen Datenquellen. Damit wären mittelfristig mehrere hundert Mitarbeiter im Kredit- und Risiko-Management nicht mehr benötigt worden.

Das können wir bei den Kassen nicht durchsetzen“, sagte der Geschäftsführer einer großen Klinikkette mit mehreren Tausend Mitarbeitern. Die Aufgabe war komplex: aus zum Teil handschriftlichen Notizen von Ärzten, mit der Auswertung von Röntgenbildern, Befunden und Laborwerten sollten Patientenbriefe verfasst werden. Nicht nur eine Version, sondern auch entsprechend andere Fassungen für Leistungserbringer, Angehörige, weiterbehandelnde Ärzte und natürlich ein verständliches Dokument für den Patienten selbst. Die Fehlerquote lag nach einer halbjährigen Pilotphase bei rund 2%. Der zweite Schritt wäre die Analyse von vielen Tausend anderen, ähnlichen Krankheitsverläufen gewesen, mit Priorisierung der erfolgreichsten Behandlungsverläufe. Nicht durchsetzbar, zumindest nicht in Deutschland, noch nicht. Datenschutz. Betriebsrat. Ethische Bedenken.

Es ist sicher nicht übertrieben davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren 1/3 aller Arbeitsplätze bei den Geldinstituten und ¼ aller Jobs im medizinischen Bereich verschwinden werden. Diese Menschen werden also alle neue Arbeitsplätze finden? Schwer vorstellbar.

Die Betreiberinnen und Betreiber KI-basierter Anwendungen werden in den nächsten 25 Jahren Millionen und Milliarden verdienen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hervorragende Gehälter beziehen. Zumindest bevor sich machine learning final durchsetzt und selbst Programmierer verzichtbar werden.

 

Und es wird noch lange Jobs geben, mit denen ein haptisches oder emotionales Erlebnis vermittelt wird: ein sympathischer Eisverkäufer ist netter als ein noch so perfekter Eis-Roboter, eine Blumenverkäuferin kann auf Grund ihrer Erfahrung auch ungewöhnliche Blumen zu einem perfekten Strauß komponieren. Kaum vorstellbar auch, dass Häuser bald von Robotern gebaut werden, die bisherigen Versuche zeigen, dass der Preis und die Fehleranfälligkeit der nötigen Maschinen kaum rentabel sein kann.

Nicht mehr geben wird es viele hunderttausend Stellen, die zwar ein gewisses Maß an fachlichem Wissen verlangen, aber letztendlich nur immer wieder bereits erworbene Kenntnisse reproduzieren: die 1000tse Kreditantrag-Beurteilung, die hundertste Steuererklärung, der x-Patienten-Entlassungsbrief muss nicht von einem Menschen geschrieben werden – zu teuer, nicht präzise genug. Das händische Ernten von Spargel oder Erdbeeren wird bald in Agrarmuseen 3-Dimensional zu bewundern sein. Noch nie waren Erntehelfer und Banker in einer so vergleichbaren Situation.

Trotzdem muss eine solche Entwicklung nicht negativ sein, im Gegenteil. Nur wird sie sicher nicht funktionieren, wenn die Steuerung dieser drastischen Veränderungen im Wesentlichen einer Handvoll Technologiekonzernen überlassen wird. Genau danach sieht es im Moment allerdings aus. Die Europäische Union hat bislang als Regulativ versagt. Das sich Russland und China den anstehenden Umwälzungen mit der Abschottung ihrer digitalen Öko-Systeme entziehen wollen mag man ja aus Liberalismus- und Pluralismus-Gründen ablehnen, das Motiv dafür ist keineswegs nur, die eigene politische Macht abzusichern.