Warum Opendata ohne Roboterjournalismus nicht demokratisch ist

Opendata – das ist das große demokratische Transparenzversprechen. Opendata – das steht für die Verwaltung, die ihren Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen nicht nur auf komplizierte schriftliche Nachfrage Auskunft erteilt, sondern relevante Informationen stets bereithält, kostenlos einsehbar. Soweit die Theorie.

Die Bundesregierung muss jetzt die vorgelegten Eckpunkte für eine solche Datenstrategie mit hohem Tempo weiterentwickeln und konkrete Maßnahmen verabschieden“ so Bitkom-Präsident Achim Berg in diesem Monat. „Die Datenstrategie ist eine entscheidende Grundlage dafür, ob wir bei innovativen Technologien wie Künstlicher Intelligenz künftig im internationalen Wettbewerb mithalten oder sogar eine Führungsrolle erlangen können„.

An der Bedeutung von Daten als treibenden Wirtschaftsfaktor und Transparenz-Garantie gibt es keine Zweifel. Während Registerkarten und Hängeordner noch in vielen Behörden anzutreffen sind ist die Arbeit der dort immer öfter eingesetzten Opendata-Beauftragten oft eine schwierige.

Ein Beispiel:

Für einen überaus seriösen Kunden sollten wir vor einem Jahr von einer Bundesbehörde monatlich Daten abrufen und für fast 500 Regionen in Deutschland individuelle Zusammenfassungen (Text und Grafik) erstellen. Antwort der Behörde auf unsere erste Anfrage: „Was wollen Sie denn jeden Monat mit so vielen Daten, das können Sie ja gar nicht bearbeiten!

Die Einrichtung einer Schnittstelle und die – so sagt man – monatlich immer neu erforderliche Strukturierung der Daten wurde erst vom vorgesetzten Ministerium auf Druck unseres Kunden ausgelöst. Übrigens: dafür berechnet diese Bundesbehörde jährlich fast 9.000Euro netto. Opendata?

Der Staat, so BITKOM-Chef Berg, müsse vorangehen, da bisher viele Daten ungenutzt blieben. „Die öffentliche Hand muss im Rahmen der Datenstrategie eine Vorreiterrolle einnehmen und die standardisierte Anbindung aller Open-Data-Portale an ein nationales Datenportal, einen Datenfonds, voranbringen“.

Im Bereich Digitale Innovationen über Parteigrenzen hinaus anerkannt ist Dr. Anna Christmann von den Grünen. Sie erinnert: „Eigentlich ist in Deutschland der Bund seit 2017 dazu verpflichtet, von ihm erhobene Daten aktiv als Open Data zur Verfügung zu stellen. Bei der tatsächlichen Bereitstellung offener Daten landet Deutschland jedoch im europäischen Vergleich lediglich im Mittelfeld. Dabei zeigen internationale Beispiele, wie Open Data Innovationen ermöglicht. In Grossbritannien etwa werden offene Daten der britischen Land Registry genutzt, um Mieter und Vermieter besser zusammenzubringen. Startups etwa aus London und New York nutzen Open Data, um den öffentlichen Personennahverkehr zu verbessern. Offene Wetter- und Wasserdaten helfen Landwirten in den USA, Ghana oder Indonesien, ihren Einsatz von Düngemitteln zu reduzieren.“

Es sind zwei wichtige Interessengruppen die von der neuen Datentransparenz profitieren würden:

  • Für die Normal-BürgerInnen: statt veraltete Mietspiegel als PDF herauszubringen (z.B. Hamburg) wäre es natürlich möglich, für Mieter eine viel größere und aktuellere Sicherheit darüber herzustellen, ob ihre Miete noch im Rahmen ist oder nicht = gehütetes Behördenwissen ist nicht mehr zeitgemäß, eine Verschleierung von personenbezogenen Daten unproblematisch
  • Für Unternehmen: fast jede dokumentierbare gesellschaftliche Entwicklung kann Anlass zur Entwicklung neuer Produkte und Services sein. Man muss von dieser nur rechtszeitig erfahren

Unsere Stadt stellt sich eine Zukunft vor, in der jeder, egal wo, das Leben in Toronto mit offenen Daten verbessern kann“ sagte die Führung der 2,7 Millionen Einwohner Metropole. „Offene Daten kurbeln die wirtschaftliche Entwicklung an, verbessern den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und beeinflussen die Entscheidungsfindung unserer Stadtregierung„, begründet  Bürgermeister John Tory sein persönliches Engagement für diese Zukunftsvision, als er in diesem Monat bereits die dritte Version von „Toronto Opendata“ vorstellt, der dritte Ausbau nach dem Start in 2018.

Aber warum sollte es in deutschen Behörden schneller vorangehen als in vielen deutschen Unternehmen, in denen „Digitalisierung“ und „Transformation“ zwar auf Managementebene als Priorität definiert wird, aber bei denen, die es konkret umsetzen müssten, kaum noch oder sehr weich gespült ankommt?

Allein das Inkrafttreten einer gesetzlichen Regelung ist nicht ausreichend, um einen Kulturwandel in den Behörden herbeizuführen„, heißt es im 1. Open-Data-Fortschrittsbericht der Bundesregierung zum Ende vergangenen Jahres.

72 Prozent der Befragten in den Behörden hatten in dem Bericht angegeben, dass das Inkrafttreten des Open-Data-Gesetzes nach ihrer Einschätzung nicht dazu geführt habe, dass mehr Daten bereitgestellt werden.

Neben neuen Arbeitsschritten sowie Änderungen organisatorischer und technischer Prozesse bedarf es vor allem eines Verständnisses hinsichtlich der Potenziale von offenen Daten, die für Dritte innerhalb und außerhalb der Verwaltung zugänglich und nutzbar gemacht werden„, so steht es in dem Bericht.

Was wäre wichtig, damit Opendata nicht als „closed shop“ endet:

  • Einheitliche Aufbereitung aller Daten in allen Bundes- und Landesbehörden
  • Einheitliche Schnittstellen zu externen Nutzern
  • Einheitliches und lückenloses Datenportal
  • Zusätzliche Auswertung der Daten für Bürgerinnen und Bürger auch in einfacher Sprache

Wenn – siehe Bericht der Bundesregierung – mehr Behörden mehr Daten bereitstellen, zu dem sie gesetzlich verpflichtet sind, ist zumindest für die „Kundengruppe“ der Unternehmen, Berater und Startups viel geschafft.

Bleibt das Ziel, was ebenfalls untrennbar mit diesem digitalen Glasnost verbunden sein sollte: Transparenz und einfachere demokratische Partizipation. Hier ist es mit Schnittstellen alleine nicht getan, denn:

  1. Nicht jede/r Normal-Sterbliche kann Excel-und CSV-Tabellen sofort verstehen, von Datenbanken ganz abgesehen
  2. Selbst mit Tabellen-Expertise ist eine Analyse von großen Datenmengen ohne tiefergehende IT-Kenntnisse nahezu unmöglich
  3. Einem Nicht-Entwickler/in ist kaum zuzumuten, sich mit Schnittstellen und Datenimporten zu beschäftigen

Opendata würde also selbst dann die Erwartung an mehr gesellschaftlicher Teilhabe nicht erfüllen, wenn sich nur Experten aus den Datenbeständen bedienen können. Mit Roboterjournalismus ( meint: automatisch aus Daten erstellte Texte in unterschiedlicher sprachlicher Komplexität plus Grafiken plus Audio-Inhalte) liesse sich diese Herausforderung bewältigen. (ein Beispiel von WELT.de )

In natürlicher Sprache verfasste Zusammenfassungen, begleitet von ebenso leicht verständlichen Grafiken und alexa-Inhalten – diese würde dann tatsächlich einen gleichberechtigten Zugriff aller auf das Wissen ermöglichen, dass milliardenfach auf Behördenrechnern liegt. Und manchmal auch noch in Hängeordnern.

Wolfgang Zehrt, Berlin