Promis, Podcasts, Politics: Was steckt hinter dem Hype um Podcasts?

Von Helge Denker, Berlin 

Podcasts boomen seit Jahren und machen dem Radio immer stärker Konkurrenz. In Deutschland werden heute laut Suchmachine “fyyd.de” über 7.000 Audio-Sendungen auf Abruf produziert. Es gibt fast kein Thema, zu dem es keinen Podcast gibt. Kaum ein Online-Medium verzichtet auf die gesprochene Beiträge zur Programmergänzung.

Manche haben echten Kultstatus, wie “Fest und Flauschig” von Jan Böhmermann und Olli Schulz. Andere erreichen regelmäßig zehntausende Hörerinnen und Hörer, wie “ZEIT Verbrechen” von Sabine Rückert und Andreas Sentker, der unter anderem für das ZEIT-Magazin “Verbrechen” wirbt. Gabor Steingarts “Morgenbriefing” setzt stark auf politische Themen, kommentiert sie und befragt Gäste aus Politik und Wirtschaft. Wie eine Radiosendung ohne Radiosender. Diese drei zählen zu den beliebtesten Podcasts Deutschlands.

Podcasts sind auch bei Medienmachern beliebt, denn sie verlängern die Verweildauer des Nutzers auf der Webseite und geben dem Medium einen persönliche Stimme. Sie sind praktisch, lassen sich auf News-Webseiten abspielen, per Streaming-Dienst hören, bei Audible abrufen oder mit einer Audio-Software laden und auf jedem Gerät abspielen, auch unterwegs und offline. Fast immer sind sie kostenlos, manche werden durch Werbung unterbrochen und so finanziert. Für viele, besonders für junge Hörer, sind sie das ideale Nebenbei-Medium.

Podcast sind gekommen um zu bleiben

Viele Podcasts setzen auf prominente Gastgeber oder prominente Gäste, wie zum Beispiel “Podkinski”, der Spiele-Podcast von Palina Rojinski auf Spotify. Aber auch ernste, politische Themen werden heute in leicht konsumierbar in Podcasts verpackt. Neben den Profis finden sich in der Szene aber auch noch immer viele Amateure.

Sind Podcasts nur ein Medien-Hype?Nein, sie sind gekommen, um zu bleiben”, meint Podcast-Produzent Christian Alt, Mitgründer der Produktionsfirma “Kugel und Niere” in München. Für Audible produzierte Alts Firma einen neuen Podcast zum Thema “Pannenflughafen BER”.

Auf den Boom folgt die Konsolidierung

Wie sieht sie aus, die Podcast-Zukunft? “Generell kann ich mir vorstellen, dass Podcasts den Weg gehen, den Blogs schon gegangen sind”, so Alt.”Vor circa zehn Jahren musste jeder plötzlich ein Blog haben, genau wie heute jeder einen Podcast hat. Heute sind viele Blogs tot, aber daraus entstanden sind Angebote wie Vox, Vice, Buzzfeed, Bento, die einen Stil für das Publizieren im Internet geprägt haben.” Auf den Boom folgt die Konsolidierung.

Der Erfolg des rund 20 Jahre jungen Mediums ist auch der Krise des Radios zu verdanken.
Alt: “Das Radio hat verlernt, was es einzigartig macht: die menschliche Stimme mit all ihren Emotionen. Stattdessen gab es jahrelang nur Formatradio. Wir bei Kugel und Niere kommen ja alle aus dem Bayerischen Rundfunk und bei uns erzählt man sich heute noch davon, wie toll es war, als in den 80ern Thomas Gottschalk und Günther Jauch moderiert haben. Da ist uns was verloren gegangen.” Inzwischen bieten auch viele private und öffentlich-rechtliche Radiosender – wie der NDR oder der BR – ihre Sendungen als Podcasts an. Radio Hamburg produziert sogar eigene Formate exklusiv für Podcast-Hörer.

Nicht nur mit Werbung lässt sich Geld verdienen

Gibt es ein Erfolgsgeheimnis für Podcasts? “Für mich sind Podcasts so erfolgreich, weil die menschliche Stimme so ehrlich ist. Wenn ich zum Beispiel einen der Anwohner vom BER höre, dann spüre ich wirklich, dass dieser Mensch seit 30 Jahren frustriert darüber ist, was ihm da vor die Haustür gesetzt wird.

Und wie verdient man damit Geld? Nur mit Werbeblöcken, wie beim Formatradio? Christian Alt sieht da verschiedene Strategien. Werbung sie ein Weg. Aber viele kleinere Podcasts ließen sich auch über die Community finanzieren. “Bei Patreon oder Steady geht das sehr einfach”, so Alt, “es gibt Podcasts in Deutschland, die machen mit solchen Modellen an die 30.000 Euro Umsatz im Monat. Wir bei Kugel und Niere haben wiederum ein anderes Modell, das man eher aus dem Fernsehen kennt. Wir produzieren für andere Medienhäuser, Plattformen und Firmen Auftragsproduktionen.

Neuer BER-Podcast für Audible und Spiegel

So entstand auch der Podcast “Made in Germany: BER – Das Flughafenfiasko” als Audible Original in Zusammenarbeit mit dem Spiegel. Das größte Problem dabei war es, so Alt, Gesprächspartner zu finden. Denn die Pannen-Dauerbaustelle ist eine Peinlichkeit und keine Erfolgsgeschichte. “An die ganz Großen, also Wowereit etc., sind wir auch leider nicht rangekommen”, gibt Alt offen zu. “Alle die, die wirklich versagt haben, sind sehr weich gelandet. Deshalb interessiert uns in unserem Podcast nicht nur die Frage, wie das passieren konnte, sondern auch, wie die damit durchgekommen sind.”

Zusammengekommen sind so rund 60 Stunden Audiomitschnitte, verteilt auf fast 20 Interviews, Reportagen und Ortsbegehungen. “Es hat eine Zeit gedauert, bis wir das System BER verstanden haben, aber als es mal ‘Klick’ gemacht hat, lief es”, erklärt Alt. Ende Oktober 2020, so heißt es offiziell, soll nun endlich der BER eröffnet werden. Erste Flugtickets wurden bereits Anfang März verkauft. Klappt das? Alt ist da vorsichtig optimistisch: “Jeder Experte, jede Expertin, mit der wir gesprochen haben, geht davon aus, dass im Oktober eröffnet wird. Obwohl hier auch noch jede Menge Dokumente zu beschaffen sind, damit das klappt…

Fest steht auf jeden Fall der Starttermin für den neuen BER-Podcast: Ab dem 17. April kann man bei Audible in die fast unendliche Geschichte des Pannenflughafens eintauchen. Auch wenn sich der Start des Flughafens doch noch einmal verzögern sollte.

Helge Denker ist Tech-, Digital- und Medien-Journalist in der Hauptstadt.