Corona : wenn ein Science Fiction-Film Wirklichkeit wird

(ddna) Stellen Sie sich vor, eine junge Drehbuchautorin kommt in Hollywood in das Büro eines mächtigen Filmproduzenten und bittet ihn, ihren ersten abendfüllenden Kinofilm zu produzieren. Sie stellt dem zunächst gelangweilten Filmboss die wichtigsten Inhalte ihres Films vor:

  • ein unbekannter Virus verbreitet sich erstmals in einer Diktatur, übertragen möglicherweise von der in Gruselfilmen sehr beliebten Fledermaus
  • Weil der Virus seinen Feldzug in einer Diktatur beginnt ist sich der Rest der Welt zunächst nicht sicher, wie gefährlich der Erreger sein könnte
  • Der Virus beginnt sich in Europa und anderen Regionen zu verbreiten: in Norditalien wird es besonders dramatisch, viele Menschen sterben
  • Angst breitet sich aus und Millionen von Menschen gehen nur noch mit Atemschutz auf die Strasse, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel sind ausverkauft.

In der zweiten Hälfte nimmt die Dramatik noch zu:

  • Zum ersten Mal in der Geschichte dürfen Europäer nicht mehr in die USA reisen, ausgenommen Briten
  • Innerhab Europas werden viele Grenzen geschlossen, nur noch Pass-InhaberI dürfen in ihre Heimat zurückreisen
  • Unvorstellbar: alle wichtigen Sportveranstatltungen weden abgesagt, sogar die deutsche Bundesliga
  • Weltweit brechen die Börsen ein, Milliardenwerte werden in wenigen Tagen vernichtet, Unternehmen fürchten um ihre Existenz
  • Immer mehr Riskikogebiete in aller Welt werden nahezu vollständig abgeriegelt
  • Zum Schluß endet jedes gesellschaftliche Leben: Schulen und Universitäten werden geschlossen, einige Länder schließen sogar fast alle Geschäfte, Treffen und Parties sollen abgesagt werden. Pianisten und Rockbands treten in leeren Sälen auf, der Auftritt wird live übertragen

Spätestens jetzt springt der Kaugummi kauende, etwas zu dicke Film-Boss aus seinem Ledersessel auf, klatscht in die Hände und ruft begeistert: „Eine unglaubliche Geschichte, die machen wir ganz groß!


Allerdings, fragte er nachdem er sich wieder beruhigt hat, wo sind die Helden in dieser Geschichte?  „Es gibt Helden dieser Geschichte“, beruhigt ihn die junge Filme-Macherin, auch wenn sie keinen schnellen Autos und Maschinenpistolen brauchen:

  • Forscherinnen und Forscher, die nächtelang und ohne Pause versuchen einen Impfstoff zu entwickeln
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Tag und Nacht Zahlen und Informationen aus aller Welt zusammentragen, um eine sachlichen Überblick über die Pandemie zu schaffen
  • Ärztinnen und Ärzte, Krankenhelferinnen und Krankenhelfer, die bis zur völligen Erschöpfung den Infizierten und Erkrankten zur Seite stehen
  • Ganz normale Menschen, denen auffällt, das vor allem alte und bereits an anderen Krankheiten leidende Menschen sich kaum noch zum Einkaufen trauen und ihnen helfen

Gut, gut, dann aber eben keine schnellen Autos und keine einzige Schießerei, aber was ist mit dem Bösewicht und vor allem – wie geht die Geschichte aus?“ will der Hollywood-Boss wissen, „schließlich kostet so ein Film Millionen!“ Der eigentliche Bösewicht sei nun einmal dieses Corona-Virus, so die Drehbuchautorin, daran ließe sich nichts ändern. Aber sie könne zum Beispiel schmierige Geschäftemacher mit in den Film nehmen, die gefälschte Desinfektionsmittel zu Horrorpreisen verkaufen und Internet-Trolle, die absichtlich fake-news verbreiten. Das Ende dieses Horrostreifens?


Bis zu dieser Stelle sind in der Realität (14.März 2020) weltweit 5.429 Menschen an Corona gestorben, acht in Deutschland. Die Zahl der offiziell bestätigt an Corona Erkrankten in Deutschland hat sich laut der Johns-Hopkins-Universität in den vergangenen 24 Stunden um 519 auf 3.675 erhöht. Fast 150.000 Menschen sind infiziert, in immer mehr Staaten der Erde.


Das Ende dieses Thrillers? „In der Schluss-Szene“, so die junge Regisseurin, „wird eine kanadische oder koreanische oder niederländische  Forscherin, die sich gegen viele Widerstände durchsetzen musste, ein Serum entwickelt haben und die Pandemie ist beendet, niemand muss den Virus mehr fürchten!“

Ein Happy-Ende sei unbedingt erforderlich, stimmt der Film-Mogul zu, der auf seinem chaotischen riesigem Schreibtisch bereits einen Vertragsentwurf sucht, aber es könne ja bitte auch eine amerikanische Forscherin sein, die das Serum entwickelt, oder? – Das, sagt die Film-Regisseurin, sei den Menschen völlig egal.

 

Wolfgang Zehrt, Berlin/Los Angeles