Gefährliche Viren treffen auf geschwächtes Gesundheitssystem

Von Helge Denker, Berlin


Fehler der Vergangenheit, Sparzwänge und überlastetes Personal machen der Behandlung von COVID-19-Patienten in Deutschland schwieriger als nötig.

Keine Autoverladung für Touristen

Letzte Woche mussten alle Touristen die deutsche Nord- und Ostseeküste verlassen. Auch Besitzer von Zweitwohnungen mussten diese räumen, Die Polizei kontrollierte die Abreise. Die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern hatte so entschieden. Hintergrund der harten Entscheidung: Die Krankenhaus-Kapazitäten reichten für die Touristen nicht aus.

Nikolas, Häckel, Bürgermeister von Sylt, erklärte dem SPIEGEL: “In unserer Klinik gibt es fünf Intensivplätze mit Beatmung. Das Gesundheitssystem ist auf 18.000 Einwohner ausgelegt. Wir bemerken schon in der Hochsaison die Leistungsgrenzen, aber jetzt ist es natürlich noch etwas anderes.”

Die beliebte Ferieninsel hat knapp 18.000 Einwohner. Für Tausende von Touristen, die oft auch als Tagestouristen kommen, sind keine Kapazitäten vorhanden. Und auch für die EInwohner sind die Krankenhauskapazitäten knapp bemessen. Gebärende Mütter müssen schon öfter aufs Festland gebracht werden, berichtete der NDR schon vor Jahren.

Es fehlt an Pflegepersonal

Die Corona-Krise trifft in Deutschland auf ein schlecht vorbereitetes, von Sparwellen getroffenes Gesundheitssystem. Es fehlt nicht nur an Beatmungsgeräten und Intensivbetten, sondern auch an Schutzmasken und vor allem an Pflegepersonal, dass die medizinischen Geräte bedient. Viele arbeiten bereits am Limit, ärgern sich über schlechte Bezahlung und die Aufhebung der Personal- Untergrenzen.

“Jetzt muss jede Pflegekraft wieder mehr Patienten versorgen“, schreibt Intensivpfleger Ricardo Lange auf Facebook. Seit Jahren werde “das Gesundheitssystem kaputt gespart und das Personal verheizt”,schreibt er. “Es wird einfach ausgenutzt das wir nicht streiken können da hier sonst Menschen sterben.”

Schutzmasken seien knapp oder gar nicht vorhanden.

“Ihr wollt Fachkräfte? Dann bezahlt sie auch!”

Die Politik fordert er auf, statt sich die Diäten zu erhöhen, den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen. “Durch bessere Bezahlung und vor allem durch bessere Arbeitsbedingungen. Ihr wollt Fachkräfte? Dann bezahlt sie auch wie solche! Nicht morgen, nicht irgendwann. Jetzt!” fordert Langer. Viele Pflegerinnen und Pfleger, die jetzt an die Öffentlichkeit gehen, sehen das genauso.

Der Pflegedienst stellte 2017 in Deutschland mit 328.327 Personen die mit Abstand größte Berufsgruppe in deutschen Krankenhäusern – gefolgt von Ärztinnen und Ärzten. Das Pflegepersonal in Deutschland wächst aber nur relativ langsam, in zwei Jahren kamen rund 7.000 neue Kräfte dazu, viele davon aus Osteuropa und dem Nachbarland Polen.

Polnische Pendler drohen auszufallen

Dort müssen polnische Pendler, die in Deutschland arbeiten, seit dem 26. März für zwei Wochen in Quarantäne und dürfen das Land vorher nicht mehr verlassen. Das hat negative Folgen für das deutsche Gesundheitssystem nahe der Grenze, denn viele viele Ärzte und Pflegekräfte aus Polen arbeiten in Brandenburg, berichtet der RBB. Rund 17.000 Polen pendelten täglich vor der neuen Regelung nach Brandenburg, ein Teil davon arbeitet in Kliniken. In einigen Krankenhäusern komme die Hälfte der Ärzte aus Polen, so der RBB. Können sie nicht mehr pendeln, ist die medizinische Versorgung der Patienten stark gefährdet.

Auch Fehlentscheidungen der Vergangenheit machen sich jetzt in der Corona-Krise bemerkbar: 1987, kurz vor dem Ende des Kalten Krieges, gab es in Deutschland noch fast 250.000 freiwillige Pflegehelfer und Schwesternhelferinnen, die in Notfällen als “potenzielle Verstärker” bereit standen, berichtet Thomas Kuhn in der “Wirtschaftswoche”. Die Ausbildung der Helfer wurde eingestellt, heute gibt es noch ein paar zehntausend freiwillige Helfer. Ein “Kahlschlag im Katastrophenschutz”, so Kuhn, der selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist.

200 Notfallkrankenhäuser wurde geschlossen

Auch rund 200 Notfallkrankenhäuser mit rund 80.000 Zusatzbetten, die der Bund für 150 Millionen Mark im Westen aufgebaut hatte, wurde nach der Wiedervereinigung geschlossen. Hunderte von Medikamenten- und Zivilschutzlagern wurden aufgelöst. “Der Abbau von damals entpuppt sich mit dem Wissen von heute als fatale Schwäche”, kritisiert die WIrtschaftswoche.

Betten und Personal auf Vorrat für den Notfall vorzuhalten, das passt nicht mehr zu den jahrelang auf Umsatz und Profit maximieren Krankenhäusern, die zu Profit-Centern der Gesundheitsindustrie umgebaut wurden. Und das, obwohl Experten immer wieder auf die Gefahr für die Bevölkerung durch eine Viruserkrankung mit Massen an Infizierten hinweisen. Katastrophenschutz sei ein Negativ-Thema, das Geld kostet und keine Wählerstimmen bringe, kritisieren Experten.

Lieferzeit bei Beatmungsgeräten: mehrere Monate

Rund 500.000 Krankenhausbetten gibt es heute in Deutschland, laut dem Gesundheitsamtes gibt es 25.000 Intensivbetten, weitere 10.000 sollen in Kürze dazukommen. Die wichtige Beatmungsgeräte sind ebenfalls Mangelware, der Bund kaufte 10.000 Geräte allein bei Hersteller Dräger. Doch die Lieferzeit beträgt mehrere Monate, berichtet die “WIrtschaftswoche”. Bis dahin könnte es für viele schwerkranke Patienten zu spät sein.

Trotz aller Probleme starben bisher in Deutschland nur 444 Patienten an dem neuartigen Virus, das entspricht 0,77 Prozent aller Infizierten. In Italien starben dagegen elf Prozent der 10.779 Erkrankten (Stand: 29.03.20). Weltweit liegt sie derzeit bei 4,6 Prozent. Die vergleichsweise niedrige Rate in Deutschland bedeute aber noch keine Entwarnung.  Axel Herzing, Pfleger in Lünen zu n-tv.de: “Wir warten gefühlt jeden Tag darauf, dass der große Run losgeht.”

 

Helge Denker ist Tech-, Digital- und Medien-Journalist in der Hauptstadt. (www.helgedenker.de)