Immobilien Preise stürzen wegen Corona ab – ein Märchen

Neubauwohnungen in Hamburg: Laut Bild, ARD und Handelsblatt bald bis zu 25% preiswerter

BILD erfindet „krass abstürzende“ Immobilienpreise

Kein Lobbyverband, der angesichts der Corona-Verwerfungen nicht laut um Hilfe ruft, am besten lange bevor klar ist, ob das Geschreie überhaupt gerechtfertigt ist. Keine Ausnahme macht die Immobilienwirtschaft, die für ihre „massiven Befürchtungen“ um „schwere Verluste“ dankbare Abnehmer in den Medien fand. Die BILD schrieb am 1.4.2020 tatsächlich „Preise stürzen krass ab – Kommt jetzt der Corona-Crash?„. Zu 100% erfunden, zu diesem Zeitpunkt liessen sich selbst mit der Lupe kaum auch nur leicht zurückgehende Immobilienpreise finden. Absolute Ausnahmen ja – aber „krass“ stürzt nirgendwo auch nur ein Immobilienpreis ab. Einfach auf die Entwicklung der realen Angebotspreise am Ende dieses Beitrages schauen, rund 90% des Miet- und Immobilienmarktes sind dort durch den neutralen Immobiliendaten-Spezialisten geomap erfasst.


Ungefragt übernommen – bis zu 1/4 weniger für Immobilien !

Das Handelsblatt, immerhin die einzige Wirtschaftszeitung in Deutschland, macht es nicht besser und vor allem genauso fantasievoll: „Wohnungspreise könnten um ein Viertel einbrechen“! 25 Prozent, ein Viertel! Im Klartext: die überteuerte 600.000Euro-Wohnung in Hamburg oder München kostet auf einmal nur noch 400.000 Euro. Volkswirtschaftler hätten Handelsblatt und BILD in einem 5minütigem Crashkurs erzählen können, was ein 25%iger Rückgang von Immobilienpreisen in einem Industrieland wie Deutschland bedeuten würde: den Kollaps des gesamten Wirtschaftsystems. Den man im Zweifelsfall bereitwillig heraufbeschwört, wenn man „in Immobilien macht“. Vielleicht gibt es dann ja schnelle Steuererleichterungen für Immobilien-Konzerne? Und die Medien spielen mit.


„Nicht bekannt“er Autor dichtet bei ARD für die Rettung der Immobilienbranche

Ausgerechnet die ARD aber setzt in diesem Lobbygeschrei den unrühmlichen Höhepunkt. Wörtlich zitiert vom 20.4.2020 aus ARD-Börse-Online, dort veröffentlicht unter der Überschrift „Wohnimmobilienpreise dürften fallen„:

„Im Auftrag der Deutschen Reihenhaus AG hat das Institut der Deutschen Wirtschaft die Corona-Preiseffekte ermittelt. Mögliche Insolvenzen und zunehmende Arbeitslosigkeit dürften dazu führen, dass den Haushalten weniger Einkommen zur Verfügung steht, glauben die Autoren der Studie. Folglich dürften die künftigen Mietpreiserwartungen sinken. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hält daher einen Wohnimmobilienpreisrückgang von null bis zwölf Prozent für realistisch“.

Natürlich ist es legitim, wenn die „Deutsche Reihenhaus AG“, einer der grössten deutschen Reihenhausbauer, deren Renner die Häuser „Familienglück“ und „Lebensfreude“ sind, eine Studie bei dem einflussreichsten Instititut der Wirtschaft in Auftrag gibt. Doppeltes Interesse hält halt besser. Aber ausgerechnet die ARD übernimmt diensteifrig die Nachricht, das der seit Jahren Milliarden über Milliarden verdienenden Immobilienbranche Ungemach droht? Ohne eigene Recherche, ohne jede Überprüfung, die doch einfach gewesen wäre. Noch komischer wird es, wenn über diese „neutrale“ Studie von einem ARD-Autoren geschrieben wird, der nur mit dem Kürzel „nb“ als Autor genannt wird, ohne Link zu mehr Informationen des Redakteurs oder der Redakteurin. Sollt „nb“ vielleicht für „nicht bekannt“ stehen? Das wäre dann noch eine ganz andere Nachricht.

Fast überall in Deutschland steigen die Preise für Immobilien seit Beginn der Corona-Krise weiter – von einem „Absturz“ keine Spur


Wolfgang Zehrt, Berlin