Deutschland kann Digitalisierung – ein digitales Sommermärchen ist machbar

Wolfgang Zehrt, Berlin

Nach Corona sind die in den vergangen Jahren oft mühsam gewesene Diskussionen über die Digitalisierung Geschichte. Wie abhängig die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme inzwischen von einer herausragenden digitalen Technologie sind haben jetzt auch die verstanden, die bislang meinten, dies sei vor allem Sache der Industrie, vielleicht noch von Startups.


An sovielen Stellen wurde es ganz schnell digital

Nach Corona wird, daran kann es keine ernsthaften Zweifel geben, die Digitalisierung mit allerhöchster Priorität als nationale Aufgabe vorangetrieben werden, mit den nötigen Milliarden-Investitionen in Netzabdeckung, Online-Banking, digitale Rathäuser usw.usw. Was Deutschland in diesen Wochen an unfreiwilliger Turbo-Dgitalisierung leistet ist bereits beachtlich, nur einige Beispiele:

  • Hundertausende haben ihren Bürostuhl gegen das Wohnzimmer getauscht und wurden zu Experten in Sachen Videokonferenz, Bildschirm teilen und Gruppenchat

  • Trotz erheblicher Rückstände haben fast alle Schulen digitale Wunder geschaffen: Lehrerinnen und Lehrer zauberten zunächst oft noch etwas holprig, jetzt professionell, digitale Unterrichtsstunden aus dem heimischen Rechner

  • Prozess- und Lieferketten von denen, die noch produzieren, sind in nächtelanger Arbeit kreativer Tech-Experten oft erfolgreich „durchdigitalisiert“ worden – analoge Zöpfe wurden kurzerhand abgeschnitten

  • Startup-Lieferdienste verloren angesichts des Massenansturms kurzzeitig ihre Coolness, hatten aber genug digitale Intelligenz an Bord, um diese historische Chance nicht verstreichen zu lassen

  • Die Millarden-Ausschüttungen an Kleinunternehmer und Selbsständige wurden binnen Tagen nach rein digitalemAntrag ausgeschüttet – noch vor wenigen Wochen unvorstellbar

  • Ob Apple Pay oder paypal oder… – das bargeldlose Bezahlen wurden binnen Tagen zum Allgemeingut. Funktioniert.

  • Statt vor Wut in die Geige oder die Gitarre zu beißen gibt es brilliante Konzerte vor leeren Saalreihen oder wie in den USA sehr beliebt, „living room concerts“, bis hin zu dem von Sir Elton John

Die Zeit der Banken geht zuende

Monolithe einer zuende gehenden Zeit – Bankentürme in Frankfurt

Andere Zöpfe aus der Vordigitalzeit werden in diesen Monaten fallen: weder Commerzbank noch Deutsche Bank konnten auch nur symbolisch etwas dazu beitragen, diese Krise zu bewältigen – Sprachlosigkeit und bei der Commerzbank zusätzlich wieder massive IT-Probleme ausgerechnet im Online-Banking. Die Deutsche Bank spendet zwar viele Tausend Schutzmasken, aber verweist ansonsten auf die Rettungstöpfe der Bundesregierung – Innovationen, Ideen, Kompetenzen gibt es bei diesen Dinosauriern der Altwirtschaft nicht. Die Commerzbank lässt einen auf Künstlicher Intelligenz basierenden Chatbot alle Unternehmenskunden fragen, ob und wie geholfen werden kann? Natürlich nicht. Die Commerzbank schickt Informationen per Mail an alle Kunden, mit hilfreichen Informationen und Tipps? Natürlich nicht. Wenn zwei ehemals wichtige Unternehmen so sprachlos sind ist das eine Bankrotterklärung.


Deutschland wird den Digitalisierungsjob perfekt erledigen

Deutschland erfindet sich erfolgreich neu und kann dabei auf viel Substanz bauen: „Deutschland hat bei der Digitalisierung weltweit die zweitbesten Rahmenbedingungen nach den USA“ – bei der Umsetzung allerdings teilweise sei noch Luft nach oben, zu diesem Schluss kommt die Studie „Enabling Digitalization Index 2019“ (EDI)* des weltweit führenden Kreditversicherers Euler Hermes. Nein, die Hausaufgaben sind sicher noch nicht alle gemacht, aber jetzt, in dieser elementaren Krise, wird die Kombination aus 

  • der manchmal belächelten deutschen Ingenieurskunst („einmal testen reicht nicht!“)
  • dem Beharren auf ordentlich strukturierte Verwaltungsabläufe (in Zukunft digital!)
  • der inzwischen leistungsfähigen Startup-Industrie (nicht nur in Berlin)

ein digitales Sommermärchen möglich machen. Das dies kein lockerer Spaziergang wird sagt nicht nur Volker Brühl vom „Center for Financial Studies“ an der  Goethe-Universität Frankfurt:

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Traditionell starke Sektoren wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau befinden sich angesichts disruptiver Veränderungen durch neue Technologien, den Kampf gegen den Klimawandel und veränderte regulatorische Rahmenbedingungen in einer Umbruchphase. Zahlreiche Industriezweige wandeln sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu „Smart Industries“. Gleichzeitig gewinnt die Kompetenz in Querschnittstechnologien wie Cloud Computing oder Cyber Security an Bedeutung, da diese den effektiven Einsatz von Künstlicher Intelligenz erst ermöglichen. Eine Analyse der Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft zeigt auf, dass in manchen Zukunftsfeldern ein erheblicher Nachholbedarf besteht.


Viele Verwaltungsprozesse warten noch auf die Digitalisierung

Gerade im Bereich öffentliche Verwaltung gibt es noch ganz erhebliche Unterschiede, die in den kleineren Einheiten von der digitalen Gestaltungskraft eines Gemeindevorstehers oder Bürgermeisters abhängen können. Bislang. Auch open data ist zwar politisch im fernen Berlin gewollt, aber noch nicht unbedingt im letzten Dorf angekommen. Bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg findet der datenhungrige Experte hochkompetente und willige Ansprechpartner, das Kraftfahrzeugbundesamt dagegen verweigert sich am liebsten jeglicher Innovation. In der Analyse „Digitalisierung der Bürgerämter in Deutschland“ schreibt Christian Schwab im vergangemen Jahr:

In den letzten Jahren ist es lediglich gelungen, die Informationsfunktionvon E-Government, also das Bereitstellen von Informationen zu Verwal-tungsleistungen auf elektronischem Wege als erste Stufe der Digitalisierung zu verbessern. Im Hinblick auf die Kommunikationsfunktion, also die Kom-munikation zwischen Verwaltung und Bürger, und insbesondere auf die me-dienbruchfreie Transaktion von Verwaltungsvorgängen bestehen jedoch erhebliche Lücken und Defizite. Deutschlandweit gibt es beispielsweise keine einzige Verwaltungsleistung, die in allen Bürgerämtern als online abschließbar einzustufen wäre“


Welcher Unternehmenswert entsteht durch die Digitalisierung?

Aber auch an anderer Stelle muß noch gestaltet werden: wieviel ist der komplette digitale Prozess, mit dem ich einen E-Roller in Mannheim über einen Server in Amsterdam mit einer Bezahlfunktion in Dublin ausleihen kann wert? Wie verbucht ein Unternehmen die digitale Wertschöpfungskette, in die unter Umständen viele Millionen Euro investiert worden sind, in ihen Bilanzen, was trägt sie zum Unterneenswert bei? In einer Analyse mit demetwas sperrigen Titel  „Die Abbildung der Digitalisierung in der handelsrechtlichen Finanzberichterstattung nicht kapitalmarktorientierter Unternehmen in Deutschland“ macht Brigitte Eierle daruf aufmerksam:

„Die Digitalisierung verändert die operativen Tätigkeiten und die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen. Der Übergang von einer Produktions- zu einer Technologiegesellschaft bedingt dabei, dass wesentliche Werttreiber vermehrt immaterieller Natur sind. Dieser Prozess stellt auch das noch immer stark vom Vorsichtsprinzip und Gläubigerschutz geprägte Handelsgesetzbuch (HGB) vor neue Herausforderungen. Die restriktiven Ansatzkriterien des HGB verhindern vielfach, dass auf der Digitalisierung beruhende Werte im bilanzierten Vermögen der Unternehmen abgebildet werden, weshalb wesentliche Erfolgspotenziale in der externen Rechnungslegung oftmals verborgen bleiben.“

Angesichts der noch lange nicht ausgestandenen Pandemie gibt es sicher keinen Grund zum Jubeln. Aber die beruhigende Gewissheit, dass ein Weg aus dem wohl unausweichlich kommenden Tal bereits im Rohbau fertig ist. Nur das Pflaster fehlt noch.

(Wolfgang Zehrt, Berlin)