Blutige Jungbrunnen, Bill Gates und die heimliche Weltregierung

Von Helge Denker, Berlin

Verschwörungstheorien und Fake-News haben jetzt im Netz Hochkonjunktur. Gegen Covid-Viren gibt es noch kein Mittel – gegen virale Märchen schon.

Seit Beginn der Corona-Krise geistern immer mehr Verschwörungstheorien durch das Netz. Die modernen Lügenmärchen verbreiten sich fast ebenso schnell und viral wie das Virus selbst. Soziale Medien wie Facebook und YouTube sind überfordert, die Fake-Wellen einzudämmen. Nutzer können selbst aktiv werden und Fakes wie diese entlarven:

“Bill Gates will im Kampf gegen die Corona-Erreger den Menschen Mikrochips einpflanzen lassen und so die totale Kontrolle erlangen. Gates-Stiftung soll die Entwicklung des Corona-Virus finanziert haben.“

“In Kürze wird in Deutschland die Demokratie abgeschafft und von bösen, geheimen Kräften eine ‘Neue Weltordnung’ installiert. Dagegen werde ich mich wehren. Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes, wie ein Samurai im Krieg.”

 

“Das Coronavirus ist nur ein Vorwand. Regierungsmitglieder und prominente Corona-Infizierte sind verhaftet worden. Sie gehören zu einer Industrie von Kinderschändern, die Kinder töten, um aus ihrem Blut „Adrenochrom“ zu gewinnen – ein Elixier, das jung machen soll.”

Solche Verschwörungsmythen haben aktuell in sozialen Medien Hochkonjunktur. Das ergab eine Studie der Uni Münster, für die 120.000 Facebook-Posts ausgewertet wurden. Fake-Nachrichten werden zum großen Teil von sogenannten “Alternativen Medien” verbreitet. Diese würden besonders oft “Fakten zurechtbiegen”, stellten die Wissenschaftler laut Deutschlandfunk Nova fest. Allein der Faktencheck der Deutschen Presse Agentur (DPA) listet seit Januar 28 zumeist falsche Behauptungen über das Corona-Virus auf (“Nostradamus hat die Corona-Pandemie nicht vorhergesagt”).


Promis verbreiten ungefilterten Nonsens

Bekannte Verbreiter dieser und ähnlich absurder Geschichten sind zum Beispiel der Sänger Xavier Naidoo, der Kochbuchautor Attila Hildmann und Ex-Moderator Ken Jebsen. Sie haben im Netz eine hohe Reichweite, also sehr viele Zuhörer, die ihre Geschichten teilen und so viral weiterverbreiten. Es gibt aber auch noch viele andere, die zum Beispiel extrem rechte Thesen mit erfunden Horrorgeschichten verbreiten. Diese brauchen keine klassischen Medien, um ihre kruden Theorien zu verbreiten, sondern nutzen soziale Medien, die ihre Behauptungen oft nicht überprüfen.


Lügen haben kurze Beine, heißt es. Social Media hat ihnen Flügel gemacht. Zu finden sind Lügen und Fake-News besonders oft auf YouTube. Das ergab eine Untersuchung des Recherche-Netzwerks “Correctiv”, die Postings in sozialen Medien auf deren Wahrheitsgehalt überprüfen. Demnach werden 46 Prozent der Falschinformationen bei YouTube hochgeladen, gut 30 Prozent der Fake-News befinden sich auf anderen Websites. Facebook liegt mit mit 16,6 Prozent auf dem dritten Platz. Verbreitet werden die Fake-Nachrichten meistens über den Messenger-Dienst WhatsApp, gefolgt von Facebooks Messenger und Telegram. WhatsApp hat darauf reagiert und die Möglichkeit, Nachrichten an viele Empfänger gleichzeitig weiterzuleiten, eingeschränkt. Facebook beschäftigt weltweit große Lösch-Teams, die unerlaubte Inhalte tilgen sowie Faktenchecker, wie “Correctiv” in Deutschland, kommt aber gegen die ansteigende Flut der Fake-News kaum noch an.


Soziale Medien steuern gegen die Fake-Flut

Die Videoplattform YouTube versucht, wie alle sozialen Medien, ihre Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten und zeigt deshalb durch einen Algorithmus ausgewählt, inhaltlich möglichst ähnliche Beiträge. Wer also nach Bill Gates und Zwangsimpfungen sucht, bekommt nach einem Video gleich das nächste zum Thema gezeigt und so weiter. YouTube hat 2019 den Empfehlungs-Automatismus geändert, Verschwörungs-Videos werden seitdem deutlich weniger gesehen.

Auch Facebook setzt auf eine Empfehlungsfunktion, die immer mehr ähnliche Inhalte nach oben spült und anzeigt. So entsteht eine Art Echokammer, in der ungeprüfte und ungefilterte Meinungen immer lauter werden können. Auf diesem Weg kann sich bei intensiven Nutzern Meinungen und ein Weltbild bilden, das nicht mehr auf Fakten sondern auf Fake-News basiert – und sich immer weiter verfestigt.


Bundesregierung warnt vor Gefahr für Menschenleben

Auch die Bundesregierung warnt vor Fehlinformationen in der Corona-Krise. Diese könnten “lebensbedrohliche Auswirkungen” haben, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer laut DPA. “Wer falsche Erzählungen zur Corona-Pandemie bewusst verbreitet, der will unser Land spalten und die Menschen gegeneinander aufbringen. Dadurch werden Menschenleben in Gefahr gebracht und das darf nicht sein”, erklärte Demmer. Die Sprecherin rief dazu auf, Fakten bei “verlässlichen Quellen” zu prüfen (Tipps siehe unten).

Wähler aller Parteien sitzen Falschnachrichten und Verschwörung-Märchen auf. Doch die Anhänger der rechten Partei “Alternative für Deutschland” sind offenbar besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Das ergab eine Studie der Uni Leipzig. Rund 60 Prozent der AfD-Wähler glauben, dass Politiker und andere Führungspersonen Marionetten von fremden Mächten sehen, die heimlich hinter ihnen stehen.

Viel zu tun für die Jury des “Goldenen Aluhuts”, die jedes Jahr die absurdesten Verschwörungstheorien mit Negativpreisen würdigt.

“Wir sehen einen starken Anstieg auf allen Kanälen, auch von vorher unverdächtigen Leuten”, erklärt Jury-Mitglied Rüdiger Reinhardt. “Globale Krisen und Gefahren, aber auch persönliche Gründe lassen viele Menschen nach einfachen Erklärungen suchen”. Einen Favoriten für den Goldenen Aluhut 2020 hat er noch nicht, die Auswahl sei besonders groß. Xavier Naidoo hatte den Preis bereits 2015 erhalten – in der Kategorie “Rechtsesoterik, Reichsbürger und BRD-GmbH”. Die Jury setzt dagegen mit Aufklärung, Vermittlung von Medienkompetenz, Beratung und Broschüren.

Denn Verschwörungstheorien und Fake-News sind relativ leicht zu erkennen. Leider gibt es immer mehr professionelle Nachrichtenfälscher, die eine Mission haben – zum Beispiel Verwirrung stiften, Angst verbreiten, Hass säen und so die Gesellschaft zu spalten. Und auch auf seriösen Plattformen finden sich unseriöse Inhalte, wie zum Beispiel die Anti-Impf-Filme “Vaxxed” und Vaxxed 2” bei Amazon Prime Video.


Woran erkennt man Verschwörungstheorien und Fake-News?

1. Die Nachricht stammt aus einer unseriösen Quelle, die öfter oder regelmäßig Falschnachrichten verbreitet, die eine ähnliche Tendenz haben.
2. Für die Behauptungen selbst gibt es keine Belege oder Quellenangaben – oder diese verweisen auf andere unseriösen Quellen.
3. Die News sind sensationell und reißerisch aufgemacht, zielen darauf, negative Emotionen zu wecken (Angst, Hass, Wut) und enthalten Spekulationen und Vermutungen. Korrekturhinweise gibt es nicht.
4. Seriöse Medien berichten gar nicht oder sehr kritisch über die angebliche Sensation.
5. Verschwörungstheoretiker benutzen gern bestimmte Formeln wie “Wahrheit”, “Wacht endlich auf”, “Denkt doch mal selbst” oder als Schimpfwort “Schlafschafe”.
6. Oft werden als Verschwörer Minderheiten wie Wirtschaftsbosse, Politiker, ethnische oder religiöse Gruppen genannt.
7. Sehr oft steckt in Verschwörungsmythen ein “wahrer Kern” (Bill Gates war früher Microsoft-Chef, seine Stiftung spendet Geld an die WHO, er warnte vor Jahren vor einer Pandemie). Der Rest ist frei erfunden.


Was kann ich gegen Falschnachrichten tun?

1. Kritische Faktenchecker decken Fake-News meistens schnell auf und klären über ihren Wahrheitsgehalt auf. Dazu gehören neben Correctiv zum Beispiel Mimikama oder der Faktencheck der DPA. Die Faktenchecker überprüfen auch dubiose Nachrichten, die ihnen per E-Mail geschickt werden.
2. Bevor man etwas in sozialen Medien teilt, sollte man kritisch prüfen, ob es stimmt. Denn sonst trägt man dazu bei, dass sich falsche Nachrichten im Netz weiter verbreiten können. Entdeckt man eine Falschnachricht, kann man dem Administrator oder dem Betreiber der Website melden.
3. Teilen Sie keine Nachrichten, die nicht glaubwürdig sind, auch nicht, wenn Sie diese kritisieren wollen. Sie erhöhen damit deren Reichweite. Machen Sie Screenshots oder nutzen Sie Dienste wie “Do not link”.
4. Sprechen Sie die Versender von Fake-Nachrichten darauf an. Entweder per Kommentar unter einem Posting oder per Direktnachricht. Versuchen Sie, Fragen zu stellen, um die Einstellung des Gegenübers zu verstehen. Das ist oft besser und erfolgversprechender, als jemand der Lüge zu bezichtigen. Und: Ermutigen Sie die Versender, Fragen zu stellen.
5. Haben Sie selbst aus Versehen eine Falschnachricht geteilt, stellen sie diese an der gleichen Stelle richtig und löschen sie diese danach. Bleiben Sie immer kritisch, fragen Sie sich selbst “Stimmt das?”, besonders bei sensationell klingenden Nachrichten.

Helge Denker arbeitet als Journalist für Print, Online und TV, für Medien wie t-online.de, Süddeutsche Zeitung, Bild.de und ZDFinfo. Er ist spezialisiert auf mobile Kommunikation, IT-Sicherheit, Datenschutz-Themen und Start-Ups.Kontakt: www.helgedenker.de