Kinder ohne Kita und die Auswirkungen

(ddna) Nach den Sommerferien soll alles wieder normal sein: Kitas, Schulen, Sportvereine, Freunde treffen, Kino, ins Freibad. Also alles, was seit März nicht mehr normal war oder gar nicht ging. Zur Zeit könnte diese Hoffnung größtenteils aufgehen: die Zahl der Neuinfizierten in Deutschland ist auf ein ganz niedriges Niveau gesunken (tägliche seriöse Corona-News finden Sie auf dieser Website) , an den meisten Plätzen achten die Menschen noch auf Abstandsregeln. Zwei Probleme bleiben allerdings vorerst noch: Covid-19 ist nicht weniger ansteckend geworden und es gibt kein Serum. Das auch für Kinder wieder alles auf „normal“ gestellt wird ist trotzdem ohne jede Alternative.


Es wird wie in Göttingen oder Tirschenreuth spätestens im Herbst lokale und regionale Ansteckungsschwerpunkte geben, die aber im besten Fall nur dazu führen, dass die eine oder andere Schule oder Kindertagesstätte für einige Tage geschlossen werden muß. Über eine neue großflächige Ansteckungswelle zu philosophieren ist nicht mehr als Kaffeesatz-Leserei – natürlich ist sie denkbar, aber im Moment darf und kann sie kein Thema sein. Denn: nicht nur Erwachsene, auch Kinder haben wirklich genug ausgehalten im ersten Halbjahr dieses neuen Jahrzehnts.


Was Kinder erleiden mussten, die in Familien leben, in denen es auch vor Corona schon Gewalt gab, ist kaum dokumentierbar. Oft sind es nur die Kitas und Schulen, denen mißhandelte Kinder auffallen und die, wenn auch zu selten, eingreifen. In den vergangenen Monaten sind diese beiden Hilfsinstanzen weggefallen, genau wie die Sportvereine und die Freunde, deren Eltern möglicherweise Auffälligkeiten bei den Spielgefährten ihrer Kinder registrieren könnten. Doch auch Kinder, die ohne Gewalt aufwachsen, werden lange durch das Corona-Jahr geprägt sein: Dr. Ilse Wehrmann, Expertin für Frühpädagogik in Bremen, warnt vor erheblichen Folgen der Corona-Krise für die Kleinsten.

„Kinder brauchen andere Kinder. Freunde zu treffen ist für Kinder ebenso wichtig wie für Erwachsene; Kontakt über Smartphones, Whatsapp oder Videotelefonate ist für Kleinkinder keine Option. Die jetzige Zeit wird erhebliche soziale und emotionale Schäden bewirken“.


31% aller nicht nicht schulpflichtigen Kinder fühlen sich einsam – so eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes in München, das Eltern und Kinder in den vergangenen Wochen befragte. Denn obwohl in nahezu allen befragten Haushalten digitale Technik und zahlreiche Kommunikationskanäle zur Verfügung stehen, werden diese nach Einschätzung der Eltern nur in geringem Umfang durch die pädagogischen Fachkräfte genutzt. Mehr als ein Viertel der Kinder im Kindergartenalter haben in den befragten Familien gar nichts von ihren Bezugspersonen in der Kita gehört, wie aus der Befragung hervorgeht.


Den Erwachsenen fehlte über Wochen der Biergarten oder das Treffen mit Freunden im Park. Dabei wird leicht übersehen, dass das gemeinsame Treffen und Spielen von Kindern, das Umgehen lernen mit Gleichaltrigen, nicht einfach nur ein Zeitvertreib ist, sondern ein wichtiger Bestandteil des Heranwachsens, der lange fehlte. Kathrin Sevecke, Direktorin der Innsbrucker Universitäts-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie:

“Ein längerer Ausschluss aus diesen Lern- und Erfahrungsräumen schädigt Kinder und Jugendliche in ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung und hinterlässt Spuren, die schon jetzt sichtbar sind und sich auch für längere Zeit nach der Aufhebung der Restriktionen zeigen werden”

Vor allem wenn noch wirtschaftliche Probleme der Erwachsenen dazukommen (Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit) sind Kinder komplett überfordert. In vielen Fällen sind auch die wichtigsten Ersatzeltern, die Großeltern, nicht mehr erreichbar gewesen: selbst Kinder ab vier Jahre, so die Expertin, können schon die Angst entwickeln, die Großeltern „mit dieser Krankheit anzustecken“. Man habe, so fasst die Kinderexpertin zusammen, den Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Wochen sehr viel abverlangt.


Aber möglicherweise behält die Corona-Zeit ja noch eine weitere Überraschung bereit: die, das kleinere Kinder schneller als Erwachsene zurück in ihrem Alltag sind. Viel negative Befürchtungen der vergangenen Monate sind nicht Wirklichkeit geworden:„Ich freue mich sehr darauf, dass ich wieder mit meinen Freunden spielen kann und draußen toben und klettern“ meint der 5jährige Johann aus Berlin heute morgen in der U2 auf dem Weg zu seiner Kita, das erste Mal seit acht Wochen.

Mehr Informationen und Dokumentationen zur Corona-Pandemie finden Sie in der Chronik „Deutschland im Ausnahmezustand„.