Buchtipp Corona: Durch dieses verrückte erste Halbjahr 2020 blättern

(ddna) Zeit für einen ersten Rückblick: Langsam haben Schulen und Kitas wieder geöffnet, wenn auch mit viel weniger Stunden und viel kürzeren Betreuungszeiten, in den meisten Orten jedenfalls. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses ersten halben Jahres haben hunderttausende Erwachsene hart getroffen: Kurzarbeit oder im schlimmsten Fall Jobverlust. Auch das Homeoffice zwischen Kindern und Küche hat den meisten nicht nur Spaß gemacht – wenn Mama und Papa immer da sind, freuen sich zwar die Kleinsten, verstehen aber nicht, warum diese angestrengt am Laptop sitzen und nicht die ganze Zeit spielen möchten.

Für die älteren Kids war es dagegen nicht so schön mehrmals am Tag von den permanent anwesenden Eltern gefragt zu werden, ob die digitalen Hausaufgaben denn alle erledigt sind und ob wirklich schon wieder am Smartphone gespielt oder gechattet werden muss. Soweit so gut – diese Zeiten sollen spätestens nach den Sommerferien für alle vorbei sein, „normale“ Schule und normale Arbeitsbedingungen statt Home-Schooling und Home-Office. Die Sommerferien sind auch eine gute Zeit, um gemeinsam auf dieses erste halbe Jahr des neuen Jahrzehntes zurückzublicken.

 

Eine erste Chronologie zur Corona-Zeit

Schon jetzt ist es kaum noch möglich einen Überblick darüber zu behalten, welche Ereignisse seit Beginn der Krise über uns hineingestürzt sind. Das Buch „Deutschland im Ausnahmezustand  – Die Corona-Chronik “ (als eBook oder Taschenbuch) hilft da ganz gewaltig, denn es beschreibt in der zeitlichen Reihenfolge ab Dezember 2019, wie die Pandemie mit einer Fledermaus im fernen China begann und schließlich auch bei uns in Deutschland zu all dem führte, was zuvor unbekannt war: Vom „lockdown“ über „social distancing“ bis zur „Alltagsmaske“. Das Buch erklärt auch, warum Kinder und Jugendliche besonders betroffen sind – ein Kapitel über ihre Erfahrungen ist von Schülerinnen und Schülern selbst geschrieben.

Der Autor Wolfgang Zehrt, der lange für den „Stern“, „Zeit“ und ARD arbeitete sagt, was diese Chronik außergewöhnlich macht: „Dieses Buch kann kein Autor  oder Autorin alleine schreiben, alleine an der Analyse der Daten haben 3 Experten gearbeitet, die Hunderte von Millionen an Datensätzen auseinandergenommen und anschließend Grafiken daraus gemacht haben“.

Fotografen waren für das Buch in Italien, Frankreich, den USA und natürlich überall in Deutschland unterwegs, sie veröffentlichen rund 70 Farbbilder in dem Buch. Jetzt, Mitte Juni, kann man in diesen Profibildern schon ein bisschen entspannter blättern, es sieht es so aus, als wenn Deutschland von allen Ländern mit am besten durch diese Pandemie gekommen ist. Die Bilder lassen sich auch mit Kindern anschauen, auf Schockaufnahmen wurde verzichtet.

Erste Entspannung in Deutschland – vorbei noch lange nicht

Die wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht absehbar. Selbst wenn die Milliarden-Subventionen und Steuererleichterungen für viele Bundesbürger sehr hilfreich sind, eines kann der Geldsegen nicht ändern: Deutschland ist darauf angewiesen, die meiste Produkte, die hier hergestellt werden ins Ausland zu verkaufen. Vor allem in den USA, die in normalen Zeiten der größte Käufer deutscher Waren weltweit sind,  sieht es nicht gut aus.

Katastrophale Arbeitslosenzahlen, sehr hohe Infektionszahlen – bis die „Amis“ wieder „Made in Germany“ kaufen, könnte viel Zeit vergehen. 2 Millionen US-Amerikaner sind zurzeit infiziert. Indien ist für uns als Abnehmer von Waren nicht so wichtig, aber als Produzent – von Mikrochips über Jeans bis Autoersatzteile wird dort viel gefertigt, was wir hier entweder konsumieren oder brauchen, um unsere eigenen Produkte fertigzustellen. In Indien nimmt die Zahl der Infektionen unter den 1,3 Milliarden Bewohner gegenwärtig sehr stark zu, die Dunkelziffer in diesem Land dürfte sehr hoch sein. Weltweit sind die Zahlen der neuen Infektionen erst jetzt auf dem Höhepunkt, vorbei ist die Pandemie noch lange nicht. Womit wir wieder bei Kindern und Jugendlichen wären.

Bezahlen die Kids die Corona-Rechnung für uns?

 Noch ist nicht bezifferbar, wie viel Geld derzeit in die deutsche Wirtschaft gepumpt wird: das gesamte Hilfspaket aus Steuererleichterungen, Unternehmenszuschüssen (nicht nur Lufthansa) und Umsatzsteuersenkungen soll einen Umfang von – diese unglaubliche Zahl nannte die Deutsche Bank – mehr als 1 Billion Euro haben. Mehr, als die deutsche Vereinigung gekostet hat.

Noch nie hat das Finanzministerium einen solchen Ansturm an Bittstellern erlebt

Erinnern wir uns an die Zeit vor Corona, im Dezember 2019: Deutschland müsse einen wirtschaftlichen Einbruch befürchten, für Italien wurde die Staatspleite nicht ausgeschlossen. Eine neue Staatsverschuldung kann sich Deutschland im Moment zwar leisten, wenn die Wirtschaft möglichst schnell wieder anspringt, aber niemand kann sagen, ob durch die Schulden in wenigen Jahren Geld  für Schulen, Kitas und Universitäten fehlen wird.

Was wird passieren, wenn Staaten wie Italien wirtschaftlich in die Knie gehen und die EU einspringen muss? Die Schulabgänger und Universitätsabsolventen des Jahres 2020 und 2021 werden es ungleich schwerer haben als ihre Vorgängerinnen und Vorgänger in den Jahren zuvor. „Die schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges“ hat die Bundeskanzlerin die Corona-Pandemie genannt, dies war sicher keine Übertreibung. Trotzdem macht die Chronik auch Spaß, denn viele Bilder, die im Frühjahr 2020 selbstverständlich waren, kann man schon heute kaum noch glauben.


 

Norbert Halbmann, Berlin