Im Interview: Autor der Corona-Chronik „Deutschland im Ausnahmezustand“

(ddna). Seit dieser Woche ist die erste Chronik zur Corona-Pandemie im Handel. Der Berliner Journalist und KI-Experte Wolfgang Zehrt beschreibt dort den Verlauf der Pandemie bis Ende Mai 2020. Mit ihm sprach Matthias Koprek:

Ist es nicht etwas früh für eine Corona-Chronik, gerade wurde der Lockdown für den Landkreis Gütersloh verhängt?

Wissen Sie noch, wie das Ganze im Januar anfing? Oder dass es erste Warnungen sogar schon in 2019 gab? Über uns alle ist so viel hereingebrochen, dass ich selbst anfangen muss zu überlegen, wann welche Entwicklungen waren. Wir leben alle in einem historisch einmaligem Jahr, auch wenn der Grund dafür ein wirklich katastrophaler ist. Trotz Gütersloh – der schlimmste Abschnitt liegt hinter uns, deswegen das Buch.

Es gibt viele wilde Theorien und Streit um Entstehung der Pandemie und um die Maßnahmen, vor allem um den lockdown. Beziehen Sie hier eine bestimmte Position?

Nein, es geht um eine sachliche und neutrale Darstellung der Covid19-Krise. Wer sich die Grafiken und die vielen wissenschaftlichen Stellungnahmen aus aller Welt in dem Buch durchliest wird vielleicht zu dem Schluss kommen, zu dem ich auch gekommen bin: das hätte Deutschland ohne all die zutiefst nervenden Maßnahmen noch viel schlimmer treffen können. Das ist mein persönliches Fazit, ich bin kein Mediziner. Aber es gibt keine Zahlen, die sagen, wir hätten das einfach ignorieren sollen.

Sie erwähnen die vielen Zahlen. Sind die Zahlen überhaupt verständlich und wo kommen diese Zahlen her?

Die Zahlen sind zu sehr leicht erfassbaren Grafiken geworden, es gibt neben vielen guten Grafiken zum Verlauf der Infektionen, der Todeszahlen, der betroffenen Altersgruppen auch Visualisierungen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen. Sabrina Steinhardt und Dominic Heil sind zwei KI- und Datenexperten der Technischen Universität Berlin, sie haben an den Analysen in diesem Buch einen ganz entscheidenden Anteil. Ohne Künstliche Intelligenz wäre das Buch so nicht möglich gewesen.

Welche Bilder in dem Buch beeindrucken Sie am meisten?

Davon gibt es wirklich viele, die besten sind wie oft Zufallsaufnahmen. Ein Fotograf in Italien war schon auf dem Rückweg zu seinem Wagen, als er auf der Fensterbank einen traurigen kleinen Jungen mit Schutzmaske sah, der seinem Teddy auch eine Maske umgebunden hatte. Soetwas sind unglaublich starke Bilder. Auch der Papst auf dem leeren Petersplatz, auf dem sich um Ostern sonst Zehntausende versammeln, hat für mich eine sehr große symbolische Kraft. Wir haben 75 Bilder aus Tausenden ausgesucht, wir hätten am liebsten noch viel mehr verwendet.

Wirtschaftliche Auswirkungen und die vielen Verschwörungstheorien – das sind Aspekte, die Sie selbst nicht bearbeitet haben, warum?

Wenn es Kollegen gibt, die Themen besser beherrschen, kann man als Autor nur froh sein, wenn sie so ein Buch unterstützen: Thomas Luther hat viele Jahre für das „Handelsblatt“ geschrieben und betrachtet in der Chronik die Auswirkungen auf das Finanz- und Wirtschaftssystem. Helge Denker ist ehemaliger Digitalchef von t-online und war auch als Autor zu Digitalthemen bei der „Süddeutschen Zeitung“ unterwegs, sicher einer der besten Digitalszene-Kenner, er hat sachlich und ohne draufzuhauen die Verschwörungsideen rund um Corona beleuchtet.

Muss man sich eine Chronik zu einem solchen Thema eigentlich staubtrocken vorstellen?

Ich habe viele Geschichten für den „Stern“ gemacht, da lernt man, dass starke Themen starke Bilder brauchen. Keine Schock-Fotos, aber gute Farbbilder von den besten Fotografen in aller Welt, von den besten Agenturen. Das Buch kann man deswegen genauso mit seinen Kindern zusammen durchgucken, die haben ja vermutlich jetzt schon das verrückteste Jahr ihres Leben hinter sich.

Man kann es still und für sich auf dem Sofa anschauen oder wegen des sehr übersichtlichen Aufbaus und den vielen sachlichen Informationen sogar als Unterrichtsgrundlage verwenden. Und auch Schülerinnen und Schüler selbst kommen in dem Buch zu Wort, mit ihren Eindrücken vom Beginn dieser anstrengenden Zeit.

Sie haben viel Daten analysieren lassen, wagen Sie deswegen eine Prognose?

Ich hoffe extrem, dass es bei einigen regionalen Neuinfektionen bleibt. Ich habe selbst zwei Töchter, die zwar einigermaßen mit dem fast völligen Ausfall der Schule zurechtgekommen sind, aber irgendwann frustriert waren, dass nix mehr ging. Aber vor allem würde die Wirtschaft bei einem zweiten größeren lockdown kaum noch funktionsfähig sein, selbst für ein reiches Deutschland wäre dann die Belastungsfähigkeit überschritten. Deswegen meine zwanghaft optimistische Prognose: regionale Massenausbrüche wie jetzt in Gütersloh wirds immer wieder geben, aber solange alle sich an die Schutzmaßnahmen halten wird es dabeibleiben.

Tragen Sie selbst dort wo angewisen eine Schutzmaske?

Wir haben für das Buch auch mit Menschen geredet, die Covid19 überstanden haben. Darunter waren auch Leute ohne Vorerkrankungen. Wenn Sie lesen, wie sich die Krankheit bei diesen Menschen ausgewirkt hatte, ja, dann tragen Sie mit Sicherheit immer, wenn es erforderlich ist eine Schutzmaske. Corona zu bekommen ist definitiv nicht mit einer Grippe zu verwechseln, es scheint bei den meisten erkrankten X-Mal heftiger zu sein als bei der schlimmsten Grippe.

Vielen Dank für das Gespräch!

„Die Corona-Chronik – Deutschland im Ausnahmezustand“ gibt es auf fast allen Buchportalen: Books on Demand , amazon , Weltbild , buecher.de

Matthias Koprek