Motivationstrainer Boris Grundl – „Wir Deutsche sind ein geiles Volk“!

Fragt man Boris Grundl nach seinem wichtigsten Erlebnis antwortet er: „Mein prägendster Einschnitt war mein Unfall. Als ich mit 25 plötzlich zu 90 Prozent gelähmt im Rollstuhl landete. Nichts war mehr wie vorher. Vom sportlichen Sonnyboy zum schwerst behinderten Hartz-IV-Empfänger.”

Boris Grundl – der Sprung von der Klippe veränderte alles

Grundl musste und wollte sich neu erfinden. Aus seiner Transformation ist sein Beruf, eine Berufung geworden. Als Autor, Führungsexperte und Unternehmer mit eigenem Institut leitet und motiviert der 54-Jährige heute viele Menschen. Er nennt sich selbst “Experte für persönliches und berufliches Weiterentwickeln”.

Der Weg dahin war ein „mentaler Kraftakt”, so beschreibt es Grundl. Sich immer wieder in Frage stellen, ohne Ausreden. “Es gibt keine bessere Schule”, betont er, “wer diesen Weg geht, wird mit Intensität und Klarheit belohnt. Das macht diesen Einsatz um ein Vielfaches wett.

Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen”, schrieb der Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Grundls Motto lautet: „Stark durch die Krise“. Sein Bestseller „Steh auf“, 2019 neu aufgelegt, hat durch Corona neue Aktualität bekommen. Digital Daily sprach mit Boris Grundl darüber, was uns in der Krise Mut macht und wo die Chancen liegen. Und warum die Deutschen ein geiles Volk sind.

ddna: Herr Grundl, wie geht es Ihnen?

Grundl: Danke, wir sind gerade in dieser wunderbaren Phase des beschleunigten digitalen Lernens. Ich habe mich vor einem Jahr in einem großen Projekt entschieden, alles was wir tun zu digitalisieren. Wir mussten dazu kleinste Lerneinheiten produzieren, so wie Legos, die man digital und online zusammensetzen kann. Dazu kommt eine extreme inhaltliche Neuorientierung. Wir haben unsere Inhalte über ein Jahr lang produziert. Und jetzt kommt diese Corona-Situation und die trifft auf unsere Vorbereitung und jetzt geben wir natürlich Vollgas.

Eine gute Entscheidung? Live-Seminare wie bisher fallen ja bis auf Weiteres aus…

Ja, wir sind gut aufgestellt, haben eine ganze Online-Lernwelt vorbereitet. Das erste Drittel kam im Mai raus. Das klingt jetzt unbescheiden, hat aber schon einen sehr hohen Stellenwert.

Viele Branchen merken ja gerade, dass sie die Digitalisierung komplett verschlafen haben – angefangen beim Einzelhandel bis zur Öffentlichen Verwaltung und Schulen…

Ja, aber bei uns Deutschen ist das Schöne, wir haben manchmal wirklich Erkenntnisprobleme und sind etwas selbstverliebt. Aber wenn wir es dann verstanden haben, dann sind wir gar nicht so schlecht…

Herr Grundl, ihre Biografie ist sehr interessant: Durch ihren Unfall und ihre Lähmung waren sie in einer Situation, aus der sie sich selbst mental heraus geholfen haben. Wie haben Sie das geschafft?

Mein Konzept heißt: Stark aus der Krise. Wenn wir eine Krise erfassen, kann sie verschiedene Ursachen haben. Zum Beispiel 9/11 oder jetzt Corona oder mein Sprung als junger Mann von einer Klippe in Mexiko, nach dem ich zu 90 Prozent gelähmt war. Das sind sehr unterschiedliche Ursachen. Aber was verbindet sie? Eine Krise wirft ein Individuum extrem auf sich selbst zurück. Das ist faszinierend. Wir sind immer im “außen”. Eine Krise macht eine 180-Grad-Drehung und bringt einen dazu, seine eigene Daseinsberechtigung zu überprüfen, meine bisherige Identität. Das Schöne ist, dass das jetzt kollektiv passiert ist. Und das hat eine bestimmte Energie.

sowohl Positive als auch Negative, Dinge die einen motivieren und solche, die hemmen und runterziehen…

Ja, was einen runterzieht ist meist etwas, das wir noch nicht anerkannt haben. Die Informationen und das Wissen über den Coronavirus nehmen immer mehr zu. Ich finde es faszinierend, was wir dazulernen. Und mit dem Wissen werden wir sicherer. Und sofort gehen die Ellenbogen wieder raus, es kommt die Frage “warum die und nicht wir?”. Das Auf-uns-zurückwerfen hat uns demütig gemacht, aber das geht auch schnell wieder vorbei.

 

Haben Sie da konkrete Tipps und Tricks? Sich mit dem Thema zu beschäftigen, hilft ja vielen Menschen weiter.

Es geht um den eigenen Einflussbereich. Ich nehme mal mich als Beispiel, ich bin zu 90 Prozent gelähmt. Das heißt: 90 Prozent kann ich nicht beeinflussen. Und zehn Prozent kann ich beeinflussen. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann. Menschen beschäftigen sich aber jeden Tag mit dem, was sie interessiert, aber nicht beeinflussen können. Und jetzt kommt ein interessanter Mechanismus: Ich rege mich auf, was aber nichts bringt und andere tun das auch. Nur das bringt nichts.

Was können Sie beeinflussen? Wenn die Daseinsberechtigung eines Unternehmens oder eines Produktes nicht mehr vorhanden ist, muss es sich neu erfinden. Das gilt auch für Menschen. Wir sprechen dabei von Transformation. Wir Deutschen sind ganz gut darin, wenn wir müssen. Wenn es keine andere Chance gibt, dann springen wir. Aber vorher beschweren wir uns erstmal (lacht).

Eine meiner Stärken ist durch diese extreme Erziehung entstanden, ich brauche am Tag zehnmal mehr Energie als andere Menschen,  Diese extreme Schule bringt einen dazu, dass ich ein Extremist bin: Ich sehe, was ich machen kann und was ich nicht machen kann, nehme ich zur Kenntnis. Ich werde nicht mehr als ein, zwei Sätze über Donald Trump sagen: Das ist ein Mensch, der wahrscheinlich ein bisschen neurotisch ist, der aber auch Ergebnisse liefert. Punkt. Muss ich mich jetzt ihm überlegen fühlen? Aber es ist ja fast lächerlich, wie viel Energie da reingesteckt wird. Und die Medien sagen uns, dass wir uns damit beschäftigen müssen. In Deutschland fühlt sich jeder Donald Trump moralisch überlegen. Da würde ich lieber meine eigenen Lebens-Ergebnisse angucken.

Die Deutschen sind ja insgesamt ziemlich diszipliniert, was die Maßnahmen gegen Corona betrifft. Überrascht sie das?

Wir sind ein geiles Volk! Das meine ich so. Und wir werden auch gut geführt. Bei uns funktioniert sehr viel.

Aber wir schauen sehr gern auf das, was nicht funktioniert. Oft vergisst man dabei das positive Gesamtbild.

Wenn es hier so schlecht ist, warum wollen dann so viele Leute aus andere Ländern hier herkommen? Wir haben hier so eine gefühlte Selbst-Kasteiung, vielleicht weil wir zwei Weltkriege zu verantworten haben, daher kommt vielleicht dieser kollektive Weltschmerz und dieses Selbstmitleid. Aber wenn wirklich Not ist, schauen sie mal, wie wir zueinander halten. Das ist eine Demut, die kurzzeitig Einzug hält. Aber sobald der Kuchen größer wird, will wieder jeder das größte Stück haben.

Wer ist schwerer zu motivieren? Man selbst oder andere?

Die Selbstmotivation steht über der Motivation anderer. Wir wollen ja im Kopf des anderen rumfummeln. So nach dem Motto: “Ich habe keinen Bock, jetzt muss ich den anderen dazu bringen, dass er Bock hat.” Das ist eine Unart von schwachen Trainern, die es in der Vergangenheit gab. Das lassen wir heute. Wir lassen Menschen nach der Inspiration in sich suchen, der wird auf andere überspringen. Dabei gilt: “Wer sich selbst nicht führen kann, der sollte auch keine anderen führen.”

Wie sind sie auf Ihren Beruf gekommen, anderen dabei zu helfen, Menschen zu führen?

Stellen Sie sich vor, sie sind ein engagierter Tennisspieler. Unter den ersten hundert der deutschen Rangliste. Dann kommt ein Unfall und sie werden völlig zurückgeworfen. Und dann entdecken Sie, dass sie ein Gehirn haben. Und sie lernen durch das Leid, dieses Gehirn in Besitz zu nehmen, was durch ihre Selbstverantwortung auf ein immer höheres Niveau kommt und dazu führt, dass ihre Ergebnisse stärker werden. Und dann fragen sie sich: Warum habe ich das nicht schon vorher gemacht? Dann stellen sie fest, dass diese Fähigkeit auch anderen Menschen helfen könnte.

Wie haben Sie das festgestellt, dass sie Einfluss auf andere haben?

Ja, da sich andere gewundert haben, wie ich das hinbekomme. Also “Leading by example”. Und dann haben die mir immer mehr zugehört, je besser meine Ergebnisse wurden. Dann haben sie festgestellt, dass das was ich sage, Sinn macht. Sie haben aber auch festgestellt, dass das sehr unbequem sein kann. Aber daraus hat sich dann ein Ruf und eine Berufung entwickelt. Der Kern lässt sich mit  einem Wort sagen: Verantwortung. Erst für sich selbst und dann andere zur Selbstverantwortung führen. Ich warne davor, für andere Verantwortung zu übernehmen. Ich erschaffe als Unternehmen eine Möglichkeit, als Bild nehme ich gern eine Wiese. Dann gibt es Menschen, die diese Wiese in Besitz nehmen und sie zum Blühen bringen. Doch die Verantwortung liegt 50 Prozent beim Unternehmen und 50 Prozent beim Mitarbeiter. Um selbstbestimmt zu sein, muss man auch selbstfunktional sein.

Sieht so die Zukunft der Arbeit aus?

Die Zukunft der Arbeit ist, dass selbständige Menschen zusammenkommen, auch wenn sie angestellt und im Home Office sind, und in diesem Rahmen nach vorne denken. Das ist eine Tür, die nicht mehr zu geht. Wir müssen durch Führung Selbstfunktionalität ermöglichen. Der Kern ist Selbstverantwortung. Leadership bedeutet, Menschen zur Verantwortung zu befähigen und das durch Ergebnisse sichtbar machen.

In der jetzigen Krise habe wir gelernt, durch digitale Wege zusammenzuarbeiten. Sie haben Seminare digitalisiert. Doch diese Möglichkeit haben nicht alle. Was kann eine Fluglinie machen? Oder ein Hotel?

Es ist einfach: Wenn ich keine Daseinsberechtigung habe, muss ich mich neu erfinden. Die Menschen werden sicherlich bald wieder mehr von A nach B fliegen. Das es anders wird ist auch klar. Ob es wieder so viel wird, wie vor der Krise, weiß ich nicht. Doch die Notwendigkeit, beruflich zu reisen, wird sicherlich reduziert.

Was hat ihnen am meisten in der Krise gefehlt?

(überlegt lange) Mir fehlt nichts. Ich bin Rollstuhlfahrer, mein Leben ist Einschränkung (lacht). Das Laufen fehlt mir auch nicht, da bin ich Hardliner. Die Krise birgt in sich die Chance, die eigene Daseinsberechtigung zu überdenken. Und sich selbst beim Denken zu beobachten.

Mich motiviert Ablehnung sehr stark, wenn jemand sagt: Das kannst Du nicht.

Zu mir hat man auch gesagt: Du bist jetzt Rollifahrer, schwerbehindert, das war es mit dir. Da sage ich: Das wollen wir doch mal sehen! (lacht)

Herr Grundl, Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führt Helge Denker.