US-Wahl: Warum Joe Biden seinen 80ten nicht im Weißen Haus feiert

Er hat das geschafft, was noch kein demokratisch gewählter Politiker vor ihm geschafft hat: es ist egal, ob das was er sagt stimmt. Seine Anhänger interessiert es nicht. Die anderen sind machtlos. Der brachiale Überraschungspräsident ist nicht unbedingt überzeugend, auch nicht für die, die ihn wählen, aber er ist grenzenlos von sich selbst überzeugt. Kann ein Mann lügen, der sich seiner selbst und seines Weg so absolut sicher ist? Trump poltert laut durch die Weltgeschichte und all die sachlich begründeten Angriffe und Kritiken prallen ab, sind wirkungslos, interessieren nicht. Nicht die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in den USA. Donald Trump verkörpert wie kein Präsident vor ihm die Idee des Ranchers, der um seine Weiderechte kämpft – auch wenn die Weiderechte illegal erworben waren. Er verkörpert den Sheriff, der ohne Gnade die Viehdiebe jagt – auch wenn er selbst korrupt ist.


Trump hat die Formel seines Lebens gefunden, der sich aus Sicht seiner Fans alles unterordnen muss: „Make America great again!“ Korruption, Lügen, Sexismus, Rassismus – egal, solange es um diese eine einzige Mission geht: „Make it great!“. Selbst dieses Ziel ist nicht beschrieben, nicht definiert, aber es verspricht alles, was die drögen Alltagssorgen vergessen lässt. Keine Krankenversicherung? Kein Job? An Corona erkrankt? We make it great! Es ist die primitivste Formel, mit der man in eine Wahlschlacht ziehen kann, aber sie hat funktioniert, schon oft, auch in Deutschland in den 30er Jahren. Pathos, Unendlichkeit, Unbesiegbarkeit – all dies in vier Wörtern zusammengefasst. Und Trump hat keinen unüberwindbaren Gegner.


Das Stirnrunzeln darüber, dass die Demokraten angesichts eines so polarisierenden Amtsinhabers keine Kandidatin oder Kandidaten gefunden haben, der die amerikanischen Wählerinnen und Wähler begeistern kann, ist der Sieg für Trump. Joe Biden begeistert nicht, Biden schläfert ein.

Als Kontrastprogramm zum Trump-Tower taugt er sicher, eine kleine intellektuelle Minderheit, die Trumps Tiraden nicht mehr aushält, wird Biden mit zusammen gekniffenen Zähnen wählen. Vier Jahrzehnte saß Biden im US-Senat. 40 Jahre lang. Er ist nicht Teil des politischen Establishments, er ist es. Die acht Jahre als Vertreter von US-Präsident Barack Obama sind für viele, sehr viele US-Amerikaner das zweite rote Tuch in Bidens Nacken. Einige Millionen weitere werden vor allem für seine „running mate“ Kamala Harris (55) stimmen, aber es wird nicht reichen. Ein Joe Biden – bei manchen TV-Auftritten darf geraten werden, ob er gerade im Halbschlaf ist  – wäre sicher ein perfekter Großvater, der auf der Veranda seines Hauses sitzt und im Schaukelstuhl seine Enkel in den Schlaf singt. Reformen, Umdenken, Umsteuern, schnelles Handeln – Notwendigkeiten, die dem gesundheitlich anschlagenden Old White Man kaum zugetraut werden, nicht einmal von der eigenen Partei. Biden läge auf Augenhöhe mit Trump, sagen die Umfragen, aber ob diese trotzigen Anti-Trump-Ansagen am 5.November auf den Stimmzetteln stehen werden?


Nach Angaben der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität sind knapp 195.000 Menschen an den Folgen der Lungenkrankheit Covid-19 in den USA gestorben, doch jetzt gehen die Infektionszahlen zurück und Trump feiert in überfüllten und geschlossenen Hallen sich und seinen Wahlkampf, ohne Maske, natürlich. Millionen hätte er gerettet und jede Kritik daran, dass er schon lange vor den ersten Schutzmaßnahmen wusste, wie gefährlich Corona werden wird, verpufft – „Make it great again!“. In Sachen Jobs und Wirtschaft trauen ihm die Amerikaner allen Umfragen zufolge mehr zu als Biden und so wird die Konjunktur und der Arbeitsmarkt unmittelbar vor der Wahl erheblichen Einfluss haben. Donald Trump weiß wie kaum ein Zweiter, wie man Strohfeuer entzündet. 1988 hatte Biden versucht, US-Präsident zu werden, dies ist sein dritter Versuch.


1. Versuch: Joe Biden 1988

Gelänge er, würde Biden im Weißen Haus seinen 80. Geburtstag feiern können. Biden ist als erfahrener, nicht aggressiver Staatsmann auch für viele Republikaner wählbar, die das Trommelfeuer aus Trumps Social Media – Accounts nicht mehr aushalten, hofft die „Washington Post“.  Dies würde vorrausetzen, dass die Wählerinne und Wähler am 5. November jemanden wählen, der ohne viel Gedöns seinen Job macht und bereit sind, auf den Trump’schen Traum vom „Great America“ zu verzichten, was immer damit gemeint war. Kamala Harris wäre dieser Job zuzutrauen.

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Wolfgang Zehrt, z.Z. für dddna aus San Francisco