Mannheim ist nicht so sexy wie Berlin – dort ein Unternehmen gründen?

Mannheim: Quadratisch, praktisch – gut?

Mannheim. Nennt sich selbst die Quadrate-Stadt, wegen der Anordnung der Straßen und Wohnblöcke im Innenstadtbereich. Ist damit der Gegenentwurf zu Berlin, wo selbst Hausnummern nie so vergeben sind, wie der normale Mensch es erwarten würde. 10% StudentenInnen-Anteil! Mit dem Neckar ein Fluß, der zwar zu Tode begradigt wurde, aber die Spree und die Isar sind ja auch nicht der Hamburger Hafen.

Ein Unternehmen gründen in Mannheim – geht das, macht das Sinn? Vielleicht hilft der Vergleich zwischen Tel Aviv und Haifa – in Tel Aviv wird gefeiert, in Haifa gearbeitet. In Berlin wird viel geredet, viel gefeiert und die Pleitequote unter den Start-Ups ist um Längen höher als in Mannheim. Deswegen geht es gleich um zufällig ausgewählte Unternehmen aus dem Quadrat, die es beharrlich geschafft haben, ihren Markt zu erobern. Was selbst in Mannheim vermutlich ausgiebig und zu Recht gefeiert wird. Zunächst aber ebenso zufällig ausgewählte Meinungen zu der Neckar-Stadt im Zeitverlauf:

Anonymer Blogger 2014: „Das Neckarufer ist öde, aus den Schornsteinen qualmt ständig der gleiche graue Rauch, zum Feierabend immer die gleichen Staus, das selbe Quietschen der Straßenbahnen, alles wiederholt sich endlos. Und immer wieder der Wasserturm. Mein Gott, kriegt euch wieder ein“

Nicht die Sieges-Säule, nicht die Elbphilharmonie.

Junior-Controller 2019:

 „Sprich dir kann Mannheim sehr gefallen wenn du dich darauf einlässt und einfach allem positiv entgegensiehst. Fakten pro Mannheim: nette Szeneviertel „Jungbusch“ zum gemütlich Feiern am WE (Kneipen); renovierter Fußgängerbereich in der Innenstadt (Shopping), viele nette Kaffees (Schwetzinger Vorstadt und Restaurants; Kulturangebote reichlich vorhanden; Mannheim ist im Rhein-Neckar-Gebiet, d.h. hier fehlt es einem an nicht viel und die Pfalz ist auch in der Nähe“.


Nun aber zu denen, die mit sich und Mannheim im Reinen sind:

  • Von Björn Goß und seiner Smartphone-App Stocard ist in Deutschland wenig zu hören, trotz seiner 50 Millionen Nutzer. Doch nur jeder Zehnte kommt aus dem deutschsprachigen Raum, die meisten aus Italien, Australien, Frankreich und den Benelux-Ländern. Mit der App des Unternehmens können Benutzer ihre Kundenkarten auf Smartphones speichern. Auch in Großbritannien und Kanada ist Stocard schon aktiv.
  • „Viel passiert außerhalb Deutschlands“, sagte der Co-Gründer Goß dem Handelsblatt. Seinen Hauptsitz hat das 2012 gegründete Unternehmen aber weiterhin in Mannheim. Einen Tiefschlag muss das Unternehmen aktuell verkraften: ausgerechnet mit Wirecard wurde im Juni eine internationale Kooperation verkündet, mit der Stocard-Nutzer in Großbritannien über eine virtuelle, von Wirecard ausgegebene Mastercard-Karte bezahlen können. Nun muß es wohl ohne das kurzzzeitige Dax-Unternehmen weiter gehen.

  • Vor sieben Jahren war studybees noch eine Plattform, um Nachhilfelehrer zu vermitteln. Inzwischen ist das Mannheimer Unternehmen darauf fokussiert, Crashkurse für Abiturienten und Studenten anzubieten. Und verspricht viel in einem heiß umkämpften Bildungsmarkt: „Ob man aus beruflichen oder anderen Gründen keine Zeit hat, Vorlesungen und Tutorien zu besuchen, man dort einfach nichts versteht oder einige Wochen vor der Prüfungsphase merkt, dass man doch nicht so gut vorbereitet ist, wie zunächst angenommen– mit den Crashkursen von Studybees stellen alle diese Probleme kein Hindernis mehr dar“.

  • CloudRail ist, einfach ausgedrückt, ein Spezialist für Schnittstellen, für APIs. Das Werkzeug soll Entwicklern dabei helfen, eigene Programme mit Geräten aus dem Internet of Things (IoT) und Internet-Services zu verbinden: intelligente Wetterstationen, Thermostate und Beleuchtungssysteme oder Dienste wie Facebook, Google Drive und LinkedIn. Normalerweise muss ein Entwickler mit vielen verschiedenen Schnittstellen arbeiten, mit CloudRail könnte er oder sie sich auf eine einzige beschränken.

  • Mit „Augmented Reality“, also „erweiterter Realität“ arbeitet die ioxp GmbH. Das Start-up aus Mannheim entwickelt für die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine die passende Technologie: eine Augmented-Reality-Datenbrille. Zwar können Maschinen und Anlagen immer selbständiger und fast schon autonom agieren, ganz ohne den Menschen geht es (meist) noch nicht. ioxp hat eine Datenbrille gebaut, die bei Wartungs- oder Reparaturarbeiten die notwendigen Arbeitsschritte in das Sichtfeld einblendet.
  • Nils Petersen von ioxp erklärt, in startup-Mannheim.de, warum das nicht im Sillicon Valley passierte:

„Wir haben lange in Kaiserslautern geforscht, aber nach der Ausgründung war die große Frage: wo haben wir Möglichkeiten zu wachsen, wo ist der ideale Standort? Ins Silicon Valley zu gehen war keine naheliegende Lösung, denn wir wollten die Nähe zu unserem Kaiserslauterer Forschungsmutterschiff DFKI erhalten. Mannheim war dann eine sehr bewusste Team-Entscheidung – wir haben uns sehr schnell einstimmig entschieden“.


  • Eine Cloud-Plattform für Außendienstanwendungen – die kürzeste Beschreibung dessen, was Movilizer macht. Bereits 2006 begannen die Gründer eine Software zu entwickeln, um mobile Endgeräte – damals noch Tastenhandys – mit Unternehmenssystemen, vor allem SAP, zu verbinden. Heute arbeitet die Crew weiter in Mannheim und ist ein Team im „etwas“ größeren Honeywell-Konzern (110.000 Mitarbeiter). Mannheim bleibt man auch nach dem erfolgreichen Verkauf treu, so Gründer Philipp Hasper:

„Die Stadt ist ein zentraler Verkehrsknotenpunkt in Süddeutschland – egal ob mit dem Auto oder der Bahn oder durch die Nähe zum Frankfurter Flughafen.  Die Stadt bietet auch aus privater Perspektive viele positive Faktoren, aber entscheidend war für uns der Blick durch die professionelle Brille“.


  • Mister Trip vermittelt zwischen Reisebegeisterten und Experten im anvisierten Urlaubsland. Diese Experten stellen auf Mister Trip Beispielreisen vor. Das breitgefächerte Angebot enthält beispielsweise Entdeckungstouren durch kolumbianische Kaffeeplantagen, in Tansania kann nach Berggorillas Ausschau gehalten oder in der mongolischen Steppe auf den Spuren von Dschingis Khan gewandelt werden. Nur Mannheim steht nicht auf der Liste für Abenteuerreisen.

Warum wandern trotz sehr sehr vieler Erfolgs-Stories (prozentual mehr als in Berlin) viele junge Gründer nach Berlin, München oder Hamburg ab?

Lärm schafft Lärm. Das ist der Grund, weshalb Berlin so viel Aufmerksamkeit bei ausländischen Investoren auf sich zieht. Die Berliner erwecken den Eindruck, dass sich dort das gesamte deutsche Gründungsgeschehen abspiele. In Baden-Württemberg fehlt die kritische Masse”, die Einschätzung des Investors Christian Siegele, Gründungspartner des Wagniskapitalgebers Capnamic Ventures.

 

Also – so sieht es dann nach Corona wieder aus, irgendwann in Berlin.

Berlin als Party-Hauptstadt Europas hat natürlich bei den U30NK (unter 30 Jahre no kids) riesige Vorteile. Nur nicht zwangsläufig für die, die ernsthaft eine Firma aufbauen will.


Von einigen Arbeitsbedingungen mögen Gründerinnen und Gründer in Berlin, Hamburg oder München kaum träumen. In der ersten Cocrafting-Community Deutschlands,  im Mannheimer „Honeycamp“, bezahlen Gründer für 120qm Fläche ganze 870 Euro, so eine Loftfläche ist in Berlin nicht unter dem 3-fachen Preis zu bekommen. Und das mit einem durchaus neuen Ansatz: „Bei uns treffen Produzenten, Künstler, Entwicklerteams, Designer, Prototyper, Ingenieure und viele mehr aufeinander und schaffen eine einzigartige Gemeinschaft“.


Nicht fehlen darf eine letzte Innovation in Mannheim – Mannheim hat einen Night Mayor! Als „beratender Vermittler“  zwischen Betrieben, Behörden und Verwaltung sowie den Anwohnenden und Gästen übernimmt der Night Mayor,  er ist der Held der Nächte.

Mannheim sucht einen Nachtbürgermeister

Etwas verwaltungsmäßiger ausgedrückt:  „Das Thema Nachtkultur und Nachtökonomie ist für die Stadt Mannheim ein wichtiges Thema, das wir auch zukünftig aktiv begleiten und mit entwickeln wollen“, so Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz. Denn ganz ohne ein sexy Nachtleben kommt keine Start-Up-City aus. Quadratisch, praktisch – und für Gründerinnen und Gründer ziemlich gut.


Wolfgang Zehrt, ddna