Roboter-Journalismus zehrt immer mehr von wirklicher Künstlicher Intelligenz

(Wolfgang Zehrt, ddna). Künstliche Intelligenz! Kann sie dafür sorgen, dass wir in einigen Jahren noch seriöse und glaubwürdige Inhalte auf unseren mobilen und nicht mobilen digitalen Geräten finden? Automated content als Ersatz für schreibende regengetränkte Reporter* am Rand des lokalen Aschenplatzes? Als Ersatz für den engagierten Volontär* bei der Kreisversammlung?

Die weißen Flecken in den USA werden bereits größer: Gebiete, ganze Regionen, in denen es kein professionelles Medienangebot mehr gibt. Machts nichts, sagen Trump-Anhänger, eh alls fake-news, alles mainstream media. Gefährdet unsere Demokratie, meinen andere. In Deutschland steht diese Entwicklung noch bevor. Aber vermutlich werden wir bereits im nächsten Jahr das erste Bundesland haben, in dem es keine Zeitung mehr gibt, die das gesamte Land abdeckt. Und das Portal, betriebswirtschaftlich ausgedrückt, bringt nicht den return of investment, den ein Verlag erwartet. Bei weitem nicht. Welche Alternativen gibt es?


Vergangenes Jahr auf einem Medienkongress in London (Sie erinnern sich vielleicht: Kongresse! Menschen treffen und mit ihnen reden):  Der Geschäftsführer eines erfolgreichen Videoclip-Unternehmens stellte in seinem Vortrag seine guten (was handwerklich stimmt) News-Video-Beiträge vor, die selbst für kleine Blogs und Portale erschwinglich sind. Großes Wohlwollen und Interesse der Medienexperten im Publikum. Ich durfte als erster eine Frage stellen und die lautetete, warum angesichts dieser erstaunlich günstigen Video-Beiträge nicht auch der Grund für diese kundenfreundliche Preisgestaltung genannt wird: nämlich die großzügige Unterstützung durch das russische Mutterunternehmen, dass widerrum aus seiner staatlichen Abhängigkeit kein Geheimis macht. Der Geschäftsführer klappte wortlos sein Laptop zu und verschwand vom Podium. Keine weiteren Fragen. Sind dubiose Nachrichten-Produzenten wie dieser die Zukunft?


Die BBC wagt sich in einer News-Studie weit voraus und prophezeit, dass schon bald 80% aller Nachrichten automatisch produziert werden. Damit ist nicht die Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ gemeint. Auch das ZEIT-Dossier über den beginnenden Rechtsterror (Achtung Eigenwerbung, Autor ist Wolfgang Zehrt, damals unter dem Pseudonym Wolf Annaun) wäre nicht von einem Tool für Textgenerierung verfassbar gewesen. Wetterberichte, regionaler Sport, Börse, KFZ-Zulassungen, Mietberichte sind längst Standardangebote der „natural language generation“. Dank openData nimmt die Zahl der Stories, die aus Daten erzählt werden können, immer mehr zu. Regionalisiert, personalisiert, in jeder gewünschten Länge. Das kann keinen investigativen Journalismus ersetzen und nicht das Interview, aber eine wichtige Grundversorgung mit Informationen kann so gesichert werden. Und wir sind ja schon beim nächsten Technologie-Sprung!


Heute morgen legte mir ein Kollege einen ausgedruckten Text hin, rund 400 Wörter lang. Eine Zusammenfassung zu den Waldbränden in Kalifornien. Ich las den Artikel durchaus mit Interesse, weil wir länger in Kalifornien gelebt hatten und ich viele der dort genannten Orte kenne. Der Beitrag begann mit den Eindrücken eines Deutschen, der erst vor wenigen Jahren nach Kalifornien gezogen war und jetzt umziehen will, innerhalb der USA, aber weg aus Kalifornien. Ein netter, gut geschriebener Beitrag, aber nicht spektakulär. Das Spannende: dieser Beitrag wurde von einer KI aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und weil selbst die besten Übersetzungsprogramme immer noch nicht wirklich gut sind, anschließend durch unserere digitale Werkbank geschliffen.

Und veredelt, zu einem handwerklich perfekten Text, der in jeder deutschen Zeitung stehen könnte. Aber damit nicht genug: in dem US-Beitrag standen die Erfahrungen des deutschen Auswanderers nicht am Beginn des Beitrages. In unserem schon. Künstliche Intelligenz kann inzwischen viel lernen, nur muss ihr einmal (= tausendfach) erklärt werden, was wirklich wichtig ist. Alleine ist KI dumm.


In wenigen Jahren wird es in vielen Ländern regionale und lokale Nachrichtenangebote geben, die aus einer Vielzahl seriöser Quellen ein vernünftiges Informationsangebot schaffen. Das dieses Angebot nicht von tradtionellen Verlagen geschaffen wird ist genauso sicher. Es sind die üblichen Verdächtigen, mit denen man in diesem Bereich Prototypen baut und zusammen entwickelt: amazon, facebook und Google. „Buxtehuder SV gewinnt gegen VfL Stade 3:0“ – wem sollte man verdenken, dass in diesem automatisch generierten Beitrag zukünftig ein Link zu den neuen Fußball-Schuh-Sonderangeboten führt? Oder zu einer passenden Fußballfan-Facebook-Gruppe? Oder …


Wolfgang Zehrt, Roboterjournalist mit manuellen Restfähigkeiten, Berlin