Könnten wir bitte die Digitalisierung beenden?

Diese Digitalisierung wird gerne von einem fürchterlichen Schwall an typischen Beraterfloskeln begleitet. Immer noch. 2020. Vor allem die digitale Transformation steht weiterhin oben im Bullshit-Bingo. Nach einer geschätzten Milliarde bunter Folien zu diesem Thema, die in den vergangen 10 Jahren dazu produziert wurden, sollte man annehmen, der digitale Transformationsprozess sei – nun ja, beendet, erfolgreich, fast am Ziel?

Python ist nur eine Schlange


Ein Prozess zeichnet sich durch einen Anfangs- und einen Endpunkt aus und genau darin liegt schon ein wichtiger Grund, dass Deutschland weit abgeschlagen ist: das deutsche Ingenieurswesen und Server-Adminsitratoren-Denken geht davon aus, dass ein Transformationsprozess einen Endpunkt hat. Was natürlich Blödsinn ist. Gutenberg hat ja auch keinen literatischen Transformationsprozeß eingeleitet. Er hat für alle Zeiten Kommunikation und Wisssensvermittlung neu definiert. Digital hat Deutschland es immerhin bis zu SAP gebracht. Das war 1973. Seitdem befinden wir uns vermutlich in einem digitalen Transfomationsprozess. Kein Ende in Sicht = also kein Prozess.


  • Es gibt ein 120 Milliarden-Unternehmen in Deutschland, dass Millionen von Kundenverträgen verwaltet. Dieses Unternehmen weiß theoretisch ganz viel über diese Kunden, hat aber genau zweimal Kontakt zu ihnen. Beim Abschluß des Vertrages und zwei Wochen bevor der Vertrag ausläuft. Dazwischen vier Jahre lang nichts.
  • Ein vom Umsatz nicht viel kleineres Unternehmen möchte seit vielen Jahren „künstliche Intelligenz“ – yeah! – in die Arbeitsprozesse (sorry: workflows) integrieren. Eine international besetzte interne Arbeitsgruppe kann sich nach einem Jahr auf einen Prototypen einigen, der entwickelt werden soll: Mitarbeiter könnten doch in die Lage versetzt werden per Chatbot im Intranet zu fragen, was es heute in der Kantine zu essen gibt. Kein Witz.
  • Ein großer Arbeitgeberverband lädt einen Experten für KI zu einer Fachtagung ein, Zielgruppe: IT-Verantwortliche der Unternehmen. Meinungsbild nach dem Votrag: dafür haben wir keine Leute, keine Zeit und keine Ressourcen. Und außerdem geben wir doch nicht ernsthaft etwas von unserer Macht ab – dies wird natürlich nicht gesagt.

Es gibt viele Gründe warum wir hierzulande noch von „digitalen Prozessen“ reden. Noch ist es nicht so, dass jeder nicht-digitale Prozess begründet werden muss. Was aber sinnvoll wäre. Warum muss ein Autoverkäufer in einem geputzten und gewienerten Verkaufsraum stehen? Warum kann ich nicht endlich mit jedem Arzt, Anwalt, Notar verbindlich elektronisch einen Termin vereinbaren, wann kann ich von denen endlich Standardfragen per Chatbot beantwortet bekommen, natürlich honorarpflichtig? Wir haben längst genug Daten aus dieser Coronazeit um exakte Prognosen über das völlig veränderte Einkaufsverhalten an den Einzelhändler und noch geöffneten Kiosk zu liefern – warum tun wir es nicht? Von steinzeitalterlichen Branchen wie Steuerberatungen gar nicht zu reden.


Vor Gutenberg haben vor allem Mönche mühsam Schriften von Hand kopiert. Der Buchdruck veränderte diesen Prozess in wenigen Jahren, schneller, als sich in den vergangenen Jahren „IT-Verantwortliche“ in digitale Performer verwandelt haben. Was bei vielen nie passieren wird. Vorstände lassen sich 2019 ernsthaft das Wort „Python“ buchstabieren. Sie müssen es nicht beherrschen, aber eine Programmiersprache ausschließlich für eine Urwaldschlange zu halten, ist ziemlich arm.


Ich habe für ein großes Suchmaschinenunternehmen gearbeitet, für ein paar Dax-Unternehmen und viele kleinere Unternehmen und Verbände. Meine Erfahrungen sind also subjektiv und nicht repräsentativ, aber über diese vier Blockaden würde ich als Unternehmen trotzdem massiv nachdenken:

1. Die Projekte sind zu groß ausgelegt. Für Vorstand und Geschäftsführung muss es der ganz große Sprung sein, der zumindest eine halbe Seite im nächsten Geschäftsbericht hergibt. Auf der Strecke bleiben Mitarbeiter und konkrete Lösungen

2. Die personellen Ressourcen fehlen manchmal tatsächlich. Die IT-Abteilung ist seit Jahren eh überfordert und bekommt zur Zeit keine neuen Leute an Bord. Werden jetzt von „ganz oben“ neue Entwicklungen eingefordert kommt es zu dem legendären Fußball-Match, bei dem der Trainer hyperventilierend am Rand steht, während sich die Mannschaft kaum noch bewegt.

3. Die heimlichen Machthaber blockieren: niemand entlässt einen „IT-Chef*“. Niemals. Er/sie kann noch so schlecht, miserabel, arbeitsverweigernd, intrigant und verlogen sein. Denn niemand von seinen Vorgesetzen evaluiert dessen Arbeit. Ein Marketingchef, ein Verkaufschef wird gefeuert, wenn er nicht liefert. Ein IT-Chef brummelt „hatte ich keine Leute für“ und die ganze Runde nickt sofort. Ist ja der IT-Chef. 50% der IT-Chefs* können ihren Job nicht und haben freiwillig in den vergangene 15 Jahren absolut nichts mehr lernen wollen. Macht nichts, sie werden tiefenentspannt in ihrem Job sterben. Oder in Rente gehen.

4. „Digitalisierungwird von der Belegschaft immer noch als Inselproblem verstanden. Betrifft Teilbereiche, Nerds und ein paar Wichtigtuer im Vorstand. Uns nicht. Und wenn können wir es eh nicht beeinflussen. Also mögen wir es nicht.


Wir sind ziemlich spät dran, wenn es darum geht, aus dieser zweiten kulturellen Umwälzung das Richtige zu ernen und umzusetzen. Andere sind nicht unbedingt besser, aber viel schneller. Und viel Zeit ist nicht mehr, die „Digitalisierung“ als „Prozess“ endlich zu beenden.

Wolfgang Zehrt, Berlin