Finetrading – ein neues Rezept zur Verbesserung der Liquidität?

Er macht Ladbergen bei Osnabrück zu einem Dreh- und Angelpunkt der Mittelstandsfinanzierung: Dirk Oliver Haller, CEO der Deutsche Finetrading AG

Finetrading als Zwischenfinanzierung hilft sogar bei Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie:  Wegen der Lockdowns war das Geschäft eines Messebauers komplett zusammengebrochen. Was blieb war die Expertise, Serviceleistungen für eine große Zahl an Menschen anzubieten – damit war bei dem Messespezialisten die Idee für einen Corona-konformen Hygiene-Ständer geboren. Allerdings: Die Produktion musste schnell aufgenommen werden, zügig das Material  für Tausende solcher Anti-Viren-Säulen eingekauft werden. Eine schnelle Auftragsvorfinanzierung einer Bank ist schwer zu bekommen und so entschied sich das Unternehmen für „Finetrading“ – ein Kunstwort aus „Finance“ und „Trading“. Die Hygiene-Säule von hygn.me ist ein Riesenerfolg geworden, finanziert in einer Stadt, die von den Frankfurter Bankentürmen ganz weit weg ist: In der „Finetrading-Hochburg“ Ladbergen bei Osnabrück.


Ladbergen zählt rund 6.600 Einwohner, die als bodenständig und gradlinig gelten, aber auch als stark bei der Umsetzung ihrer Ideen. Der Urgroßvater des ersten Menschen auf dem Mond, Neil Armstrong, kommt von hier. Weltgeschichte schreibt Dirk Oliver Haller mit seiner Deutschen Finetrading AG (DFT) noch nicht, aber einen größer werdenden Teil deutscher Wirtschaftgeschichte. Seine 2010 gegründete Gesellschaft gehört längst zu den  wichtigen Finanzierungsdienstleistern im Mittelstand. Eine „FinTech“, schon bevor es dieses Wort gab: Eine Kombination aus Bauchgefühl, viel unternehmerischer Erfahrung und Datenanalyse. Wie der Urahn von Neil Armstrong war auch Haller in der Landwirtschaft, bevor er als Zwischenfinanzierer abhob. Sein Bruder treibt weiter die Geschäfte des international erfolgreichen Viehhandels voran, mit dem die Brüder wuchsen und aufwuchsen.


„Osnabrück im Kleinen und Deutschland im Großen sind dynamische Wirtschaftsstandorte. Hier kann Innovation wachsen “, ist der CEO der Deutsche Finetrading AG  überzeugt. Er hat durch seine Arbeit fast alle Branchen des Mittelstands kennengelernt. Vom Bestatter bis zum Metallbauer konnte er Einblicke in zahllose Branchen und Strukturen nehmen. Für ihn sind Unternehmen mehr als nur ihre Firmenbilanz, sie sind gewachsene Strukturen mit einer wichtigen eigenen Geschichte. Wenn der Fin-Tech Unternehmer Haller Finanzierungsanfragen bearbeitet, will er den Kunden verstehen, denkt sich in die Geschäftsidee ein und entscheidet nicht zuletzt auch mit einer Prise Bauchgefühl

Wie funktioniert Finetrading?

  1. Der Finetrader ist Zwischenhändler, weil er die für die Produktion seines Kunden nötigen Dinge kauft: Bauteile, Rohstoffe oder Halbfertigprodukte. Und er ist gleichzeitig Finanzierer, weil er damit die Produktion seines Kunden solange vorfinanziert, bis dieser ihn bezahlt. Finanziert werden fast immer Vermögensgegenstände, die nur kurz in der Bilanz der Kunden stehen.
  2. Der Finetrader tritt als dritte Partei in die Geschäftsbeziehung zwischen Lieferant und Abnehmer ein. Der Käufer, also der Kunde des Finetrader, verhandelt mit einem Lieferanten die Konditionen und bestellt die Waren, aber erst  nach Rücksprache mit dem Finetrader
  3. Der Lieferant liefert die bestellte Ware direkt an den Käufer, schickt die Rechnung aber an den Finetrader, der diese zügig bezahlt. Der Kunde des Finetraders hat jetzt 120 Tage Zeit, die Rechnung für die Waren oder die Rohstoffe bei ihm zu begleichen.

Die DFT verdient Geld, obwohl ihr Kunde die benötigten Teile oder Rohstoffe  im besten Fall ohne Aufpreis oder Gebühren „auf Pump“ gekauft hat. Denn durch die rasche Bezahlung erhält Hallers Deutsche Finetrading AG beim Warenlieferanten Skonto, einen Preisnachlass, der bis zu 3 Prozent betragen kann – sein Gewinn an dem Geschäft. Sein Kunde kann sofort mit der Produktion beginnen und hat 120 Tage Zeit, die offene Rechnung bei der DFT zu begleichen. So schont er seine Liquidität und kann, wenn es gut läuft, seinen Zwischenkredit bereits aus den zusätzlichen Umsätzen ablösen.

Der Rohstoff- oder Teile-Lieferant wiederum ist davor geschützt, dass sein Kunde möglicherweise nicht zahlen kann und bekommt seine Rechnung schnell beglichen. Und nicht zu vernachlässigen: Durch die geschonte Liquidität hat der Kunde einen besseren Stand bei den Banken, die seit Basel 2 und Basel 3 dem Mittelstand den Zugang zu Krediten – vor allem kurzfristigen – nicht gerade erleichtert haben.


Das „Handelsblatt“ setzte sich vergangenes Jahr mit dieser Finanzierungsform auseinander und kam unter anderem zu diesem Ergebnis: Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Einkauf wird für das Unternehmen sehr flexibel – die Abklärung eines Kredits bei der Bank ist nicht nötig. So können auch kurzfristig Aufträge angenommen oder Rabatte und Skonti beim Händler genutzt werden. Betriebe, die bereits eine Reihe von Verbindlichkeiten bei Banken besitzen, können so ihr Finanzportfolio klug erweitern und Abhängigkeiten reduzieren.  Außerdem werden keine Sicherheiten benötigt, sodass sich diese Art der Finanzierung sogar positiv auf die Bonität auswirkt“.


Auftrags- und Marktchancen warten meist nicht. Deswegen läuft bei dem Zwischenfinanzierer viel über persönliche Kontakte, sagt Haller: „Das schafft enge Verbindungen und schnellere Entscheidungen“. Seit Beginn der Pandemie sind viele Unternehmenskassen leer, die Vorfinanzierung von Aufträgen ist für viele Mittelständler bei Banken noch schwieriger geworden. Aber anders als die Vorfahren von Neil Armstrong, die von Ladbergen bei Osnabrück in die USA auswanderten, sind Dirk Oliver und Kai-Uwe Haller vom Standort Deutschland fest überzeugt: Kai-Uwe, weil er von seinem Ladbergen – „der zentralen landwirtschaftlichen Schlagader inmitten Europas“ – einen weltweiten Zucht- und Nutzviehmarkt bedient. Dirk Oliver, weil er mit der DFT auf den „dynamischen Wirtschaftstandort Deutschland“ setzt. Nur mit einem Ergebnis ihrer Anstrengungen können sie noch nicht zufrieden sein: Der von der Deutsche Finetrading AG gesponserte VFL Osnabrück steht im Moment nur auf Platz 15 der zweiten Liga. Da hilft nur niedersächsische Gelassenheit und ein gutes Bauchgefühl.