Betterplace: “Für fast jedes Thema gibt es Spender. Man muss sie nur finden.”

Björn Lampe ist Vorstandsmitglied bei betterplace.org, einer Online-Plattform, die gemeinnützige Organisationen und Spender zusammenbringt. Digital Daily sprach mit ihm über Spendenrekorde in Corona-Zeiten, gute und schlechte Kampagnen, Geldwäsche und verbotene Spenden.

Björn Lampe ist Vorstandsmitglied der Spendenplattform betterplace.org     Bild: betterplace.org

Björn Lampe ist seit 2015 Vorstandsmitglied bei betterplace.org und für die strategischen Belange der Plattform verantwortlich. Zuvor, seit 2010, leitete er die Fundraising-Beratung. Der Diplom-Politologe arbeitete zuvor als Berater für eine Public-Affairs-Agentur und war für mehrere gemeinnützige Kampagnen tätig. Helge Denker hat mit ihm gesprochen.

Digital Daily: Die Online-Plattform betterplace.org ermöglicht es Organisationen Spenden zu sammeln. Sind die meisten Ihrer Kunden zufrieden mit Ihnen?

Björn Lampe: Ja, die Zahlen und das Feedback sprechen dafür. Insbesondere bei den Organisationen ist es dafür wichtig, dass verstanden wurde, wie Online Fundraising mit unserer Plattform funktioniert. Denn mit der Registrierung eines Hilfsprojekts ist es noch nicht getan. Wer Spenden erhalten möchte, muss darauf aufmerksam machen und sein Projekt bewerben, damit möglichst viele Leute damit in Berührung kommen und von der Wichtigkeit einer Spende überzeugt werden können. Wenn das verstanden ist, funktioniert es meistens sehr gut. Denn für fast jedes Thema gibt es auch Spender*innen. Man muss sie nur finden. Aber auch hier helfen wir und bieten viel Bildungsarbeit an, z.B. durch die Kurse unserer Betterplace Academy.


Also ersetzt betterplace.org nicht das Fundraising, es bietet eine Plattform, um die Abwicklung einfacher zu machen?

Das ist natürlich ein wichtiger Aspekt, wäre aber etwas zu wenig. Aufgrund unserer eigenen Bekanntheit kommen interessierte Spender*innen “einfach so” auf die Plattform. Sie suchen bei uns nach bestimmten Themen, die sie unterstützen wollen und kommen damit zu Projekten, die sie vorher noch nicht kannten. Zudem nutzen wir unsere eigene Reichweite über Social Media oder Newsletter, um Spender*innen auf Projekte aufmerksam zu mache

Darüber hinaus arbeiten wir auch eng mit unterschiedlichsten Kooperationspartnern zusammen, z.B. Medien, Unternehmen oder Promis, die eigene Spendenaktionen für Projekte auf betterplace.org initiieren und dadurch große Spendensummen erzielen können.


Welche Spendenaktionen funktionieren besser und welche schlechter auf betterplace.org?

Das kann man nicht vorhersagen und ich werde selbst immer wieder überrascht. Es gibt Themen, da kann ich mir nicht vorstellen, dass diese großes Interesse erzeugen, und prompt spenden viele Leute dafür. Und genauso gibt es welche, bei denen ich denke: Was für ein tolles Projekt – und dann finden sich keine Spender*innen.

Generell ist die Bandbreite an Projekten sehr groß. Klassiker sind Kinder, Bildung, Katastrophenhilfe, in den letzten Jahren sehr stark: Unterstützung von geflüchteten Menschen. Und 2019 sehr stark Klima- und Umweltschutz, 2020 natürlich viele auch Corona-bezogene Hilfsprojekte.


Hat sich durch die Corona-Krise die Spendenbereitschaft verändert?

Ja, Corona hat anfangs eindeutig dazu geführt, dass wir einen starken Fokus auf regionale Projekte gesehen haben. Das hat sich aber im Jahresverlauf wieder normalisiert. Zudem haben sich aber auch völlig neue Spendenthemen ergeben: Die Menschen wollten einfach ihr geschlossenes Lieblingscafe, ihr Kiez-Kino oder den Blumenladen im Lockdown unterstützen. Genau das haben wir auf unserer Schwester-Plattform betterplace.me ermöglicht.


Wie unterscheidet sich betterplace.org von betterplace.me?

Auf betterplace.org können nur gemeinnützige Organisationen aus Deutschland Spenden sammeln. Auf betterplace.me muss kein gemeinnütziger Träger dahinter stehen. Jeder kann hierüber Spenden für ein soziales Projekt sammeln und in der Coronakrise haben wir die Kriterien dafür eben auf beispielsweise Clubs oder Cafés erweitert.


Schauen Sie sich jedes Projekt auf betterplace.org an? Welche schließen Sie aus?

Ja, wir schauen uns jedes einzelne Projekt an und schalten es frei. In unseren AGB sind eine Reihe von Themen ausgeschlossen, zum Beispiel Projekte, die zu politisch sind oder parteinah. Und natürlich Inhalte, die beispielsweise Gewalt verherrlichen oder unangemessene Darstellungen enthalten. Die große Mehrheit der Projekte fällt aber hier nicht darunter und wird freigeschaltet.


“Politisch” ist ja ein ziemlich weites Feld, zum Beispiel bei der Flüchtlingshilfe. Wie entscheiden Sie da?

Wir richten uns nach dem Gemeinnützigkeits-Recht und kontrollieren, dass diese vorliegt. Es gibt aber bei dem Thema immer wieder Grenzfälle, auch beim Gemeinnützigkeits-Recht. Attac ist hierfür ein viel diskutiertes Beispiel. Wenn generell Zweifel bestehen, nehmen wir auch externe Hilfe in Anspruch.


Würde ein großer Autohersteller für die Deutsche Umwelthilfe auf betterplace.org spenden können?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, weil die Deutsche Umwelthilfe das vermutlich ablehnen würde. Wir sprechen bei Unternehmenskooperationen daher immer mit beiden Parteien – mit Gebern und Empfängern. Das muss zusammenpassen.


Mögliche Einflussnahme und Geldwäsche sind da ja auch ein Thema. Wie gehen Sie dagegen vor?

Durch Kommunikation und durch das Prüfen von Unterlagen, bei jedem Projekt und jeder Kooperation. Beim Thema Geldwäsche arbeiten wir mit eng mit Anbietern, Zahlungsdienstleistern und Banken zusammen, um dieses ausschließen zu können.


Wie sieht er aus, der deutsche Durchschnitts-Spender?

In Deutschland besteht das große Problem, dass über die Hälfte der Spender*innen über 65 Jahre alt sind. Wir haben also die große Herausforderung, auch die jungen Menschen zu erreichen und ihnen aufzuzeigen, wie gut ist gut ist, sich zu engagieren. Und ein Teil davon ist es, zu spenden.

Jemanden aus der Altersklasse 20 bis 35 erreicht man natürlich über eine andere Ansprache und andere Formate, als die Ü-65-Jährigen. Schon vor Corona haben wir gesehen, dass hierfür beispielsweise Charity Streams eine spannende Rolle spielen können. Hierbei starten Gamer*innen, Influencer*innen, Musiker*innen oder auch Schriftsteller*innen einen Live-Stream auf Plattformen wie Twitch oder Youtube und rufen parallel zum Spenden auf. Wir bieten dafür die entsprechenden Tools an. Bislang wurde über dieses Format insgesamt knapp 6 Millionen Euro für soziale Projekte gespendet. Und das natürlich von einer tendenziell deutlich jüngeren Zielgruppe.


Eine Kritik am Spenden sammeln lautet, dass viele soziale Bereiche eigentlich Aufgaben des Staates sind.

Es ist richtig, dass sich der Staat an vielen Stellen zurückzieht und damit eine Lücke hinterlässt, die dann von gemeinnützigen Organisationen oder privaten Initiativen gefüllt wird. Dabei passiert aber auch eine Art Demokratisierung: Es wird quasi mit dem Geld abgestimmt, was die Menschen für unterstützenswert halten und was nicht. Gleichzeitig darf der Staat aber auch nicht aus seiner sozialen Verantwortung gelassen werden und muss auch denen helfen, die vielleicht über keine große Lobby oder Unterstützer*innen-Gruppe verfügen.  Beides zu realisieren bleibt eine schwierige Herausforderung.


Wie groß ist der Gesamtmarkt der Online-Spenden in Deutschland?

Wie groß der Anteil der Online-Spenden im Deutschland ist, wüsste ich selber gern. Es gibt weiterhin keine belegbaren Zahlen. Es ist aber offensichtlich, dass der Anteil steigt, gepusht auch jetzt durch Corona. Die Frage ist allerdings auch, ob die Unterscheidung zwischen Online- und Offline Spenden überhaupt noch relevant ist, darüber wird in der Fundraising-Szene diskutiert.


Und wie sieht die Zukunft des Spendens aus?

Zunächst mal Corona mal außen vor gelassen: Heute werden sie in der Fußgängerzone angesprochen, ob sie fünf Euro in eine Spendendose werfen wollen. Nächste Woche kommt jemand mit einem mobilen Lesegerät und bittet sie, ihre Kreditkarte darauf zu legen, um die fünf Euro zu spenden. Gute Frage: War das jetzt eine Online- oder eine Offline-Spende? In Großbritannien gibt es immer mehr unbemannte Stationen, wo sie einfach ihr Handy, ihre Uhr oder ihre Kreditkarte auflegen und automatisch drei Pfund spenden. Und durch Corona hat sich natürlich auch das Spendenwesen verändert. Viele Organisationen mussten sich zwangsläufig digitalisieren, auch ihre Spendenansprache auf Online Kanäle verlagern. Die Zukunft des Spendens ist also immer vom jeweils aktuellen Verhalten der Menschen abhängig und da unsere Welt immer digitaler wird, wird es das Spenden auch. Im Kern bleibt jedoch Kommunikation und Austausch – unabhängig vom Kanal.


Wie verdient betterplace.org sein Geld?

Zum einen arbeiten wir mit vielen Unternehmen zusammen, die über unsere Formate ihre Spendentätigkeiten abbilden und dafür eine Dienstleistungsgebühr bezahlen. Zum anderen finanzieren auch wir uns über Spenden: Menschen unterstützen uns, damit wir unsere Plattform für andere gemeinnützige Organisationen zur Verfügung stellen können. Zudem gibt es eine Transaktionsgebühr, das heißt es werden von jeder Spende 2,5 Prozent einbehalten. Mit dieser decken wir zum Beispiel die Bankgebühren.


Ist das Spendenaufkommen während der Corona-Krise gestiegen?

2020 war ein gutes Spendenjahr. Natürlich hat sich auch hier Corona ausgewirkt. Bereits während des ersten Lockdowns in den Monaten April bis Juni hatten wir zeitweise Spendenzuwächse um über 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Solidarität – aber auch die Nöte – waren sehr groß. Das hat sich auch über den weiteren Jahresverlauf gezeigt. Bei uns haben sich 2020 über 11.000 neue Projekte registriert und wir haben das Jahr mit einer Gesamtspendensumme von gut 35 Millionen Euro abgeschlossen: rund 80 Prozent mehr als 2019.

Interview: Helge Denker www.helgedenker.de