Lieferservice: Startup will liefern bevor bestellt wurde

Warme Socken geliefert ohne Bestellung von einem KI-basierten Lieferdienst. Bild: Pixabay/Kevin Rust

(ddna). Das man als Journalist eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen muss ist naturgemäß eher selten, schließlich soll ja berichtet werden: In diesem Fall bezieht sich die Verschwiegenheitserklärung dann auch „nur“ auf die Namen der Gründer und alle Details, aus denen man auf die Gründer schließen könnte. Die Begründung ist zumindest halbwegs nachvollziehbar: Das technische Gehirn hinter dieser Startup arbeitet noch bei einer der renommiertesten Software-Firmen weltweit, irgendwo in den USA, wenn auch an einem völlig anderem Thema. Trotzdem, so die Befürchtung, könnte der Arbeitgeber Ärger machen, wenn abends und am Wochenende ein solches Unternehmen gegründet wird. Ein Unternehmen, das bereits auf Grundlage der Technologie-Skizze Venture-Kapital von bis zu 50 Millionen Dollar angeboten bekommt. Obwohl bislang nur, so heisst es, mit zwei persönlich bekannten potentiellen Investoren geredet worden sei.


Und so trifft man in einem Keller-Pub in London die drei Gründer, die den geschlossenen Bierkeller kurzerhand für eine private „Familienfeier“ gemietet haben. Denn Unterlagen verschicken sie nicht und Screenshots bei Web-Meetings sollen auch verhindert werden. Smartphones werden eingesammelt und auf den nach abgestandenem Bier riechenden Tresen gelegt. Drei Journalistinnen und Journalisten, drei Gründer. Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden kleinen 3er-Gruppen: Eine der 3er-Gruppen wird in 12 Monaten sehr, sehr reich sein und das sind nicht die Journalisten.


Die Idee hört sich für Deutschland absurd an – aber wird funktionieren

Wenn es in 12 Monaten abends an einer Haustür irgendwo auf der Welt klingelt – zum Beispiel in Tel Aviv, Singapur oder San Francisco – und ein Lieferservice steht dort mit 2 Tüten Milch, zwei Packungen Chips, Waschpulver und einem Paar Thermosocken für Mountainbikerinnen – dann hat diese Startup bewiesen, dass es geht. Denn die Sachen sind nicht bestellt worden, der Lieferservice wusste, dass sie gebraucht werden. Jetzt ist schon zu ahnen, sagt einer der Gründer und nippt an seinem Bier, warum wir sicher nicht in Deutschland anfangen werden. Wir Journalisten nicken pflichtbewusst: Datenschutzgrundverordnung, klar. Ohne Daten kann der Lieferservice nichts wissen, aber wie kommt er auf Thermosocken und Waschmittel?

„Wir interpretieren alle Lieferhistorien per KI und je mehr Wissen uns der Kunde erlaubt, desto präziser werden wir liefern“ erläutert einer der Gründer, von dem wir immerhin schreiben dürfen, dass er in Russland mit einem KI-Thema promovierte: „In fünf Jahren ist eine KI-basierte Finanz-App bei allen U40 und bei allen mit höherem Nettoeinkommen absoluter Standard, das ist eine der Quellen, die wir nutzen um Konsumwünsche zu erkennen. Wir werden aber auch wissen, welche Staffel gerade bei Netflix immer geguckt wird, was dabei getrunken wird und was dabei gegessen wird“.

Bei dem mitgelieferten Waschmittel denken wir zu kurz und vermuten, dass das Waschmittel etwas mit den Thermosocken zu tun hat – zu kurz gedacht, natürlich: Der jahreszeitabhängige Waschmittelverbrauch sei generell bekannt, aber auch, dass bei guten Wetter und weniger Arbeitsbelastung die sportliche Kundin öfter Laufen und Mountainbike fahren geht und somit öfter wäscht und deswegen das Waschmittel häufiger leer… OK, wir habens verstanden.


Unfassbar – die Startup möchte sogar Alexa und Reisebuchungen und airnb  auswerten und ist sich sicher, dass die Mehrheit jüngeren Consumer damit kein Problem haben wird, denn: „Wir werden unsere Technologie auch nutzen, um alle privaten Inhalte, die nichts mit Konsumwünschen zu tun haben, sofort und unwiderruflich zu löschen“. Das der Nutzer auch seine Google-Historie anbietet sei mit dem Suchmaschinenkonzern schon einmal locker besprochen worden – „das endete gleich mit einem Beteiligungsangebot“ sagt einer der Drei grinsend. Unser sanfter Hinweis darauf, dass für viele Menschen Konsum auch Ablenkung bedeutet, die bei ständig perfekt ausgesuchten Produkten und Lebensmittel gegen Null geht, wird gekontert: „Deswegen werden unsere Leute immer nahe verwandte Produkte mit dabei haben, die der Kunde natürlich nicht abnehmen muss, aber vielleicht doch gerne mal ausprobiert“. Und wer würde schon gerne seine Zeit verschwenden um Waschmittel kaufen?


Warum Thermosocken für die Mountainbikerin?

Das sei ganz einfach: Von der Trackingwatch der Kundin wisse man, dass sie jeden Samstagmorgen ziemlich früh eine Bergtour fährt. Und die Kundin hat sich einmal die Mühe gemacht, den Zustand ihrer wichtigsten Lebensbegleiter (Tennisschläger, Surfboard, McBook, Sportkleidung) zu bewerten – „ das dauert 5 Minuten“. Bei Thermosocken wurde „poor“ angeclickt und die Liefer-App weiß natürlich, dass es morgen für diese Jahreszeit unerwartet kalt sein wird. Größe der Kundin – längst bekannt über ihr Fitness-Tracking-Tool. „Ablehnen darf sie eh jede Lieferung“, werden wir beruhigt, aber die Startup rechnet mit einer Zufriedenheitsquote von 70-80 Prozent spätestens nach zwei Jahren. Und wie soll so schnell geliefert werden? „Wir wissen doch jetzt schon in welcher Straße von San Francisco an welchem Abend was geordert wird“, so einer der zukünftigen Lieferservice-Betreiber, „warum wird das jedes Mal noch aus einem Supermarkt oder Store geholt?“ Der Plan des Trios sind fahrbare Warenlager in Form von E-Trucks in den Vierteln, die eine hohe Kundennachfrage nach delivery services haben.


„Wenn die Kundin die Milch wider Erwarten an dem Abend nicht braucht, kommt sie zurück in den Kühltruck. Aber wir glauben das viele Kunden froh sind, über die Standardeinkäufe nicht mehr nachdenken zu brauchen“. Nicht alles wurde an diesem Abend plausibel erläutert, aber keiner von uns Journalisten hatte das Gefühl, mit abgehobenen Visionären zu reden. Diese Geschäftsidee wird mehr als ausreichend Investoren finden, wenn auch nicht in Deutschland. Zum Schluss hatten wir natürlich diese Frage: Warum ein Treffen mit Journalisten, wenn weder Namen der Gründer noch das des Unternehmens genannt werden dürfen? Wozu das Ganze? „Ihr schreibt alle viel über Wirtschaft und Digitalthemen und wir wollten wissen, ob unsere Story so überzeugend ist, dass ihr dafür im Lockdown nach London kommt. Es reicht uns nicht, dass wir selbst total überzeugt sind“. Journalisten als Erstbewerter eines Geschäftsmodells – mal was Neues.