Voll digital in die neue Einsamkeit

Er hat unglaublich viele Kontakte aber leider kennt er niemanden Bild: PublicPhoto, Seattle


Ich beneide sie nicht, die 00er-Geborenen. Ihnen wird gerade wegdigitalisiert, was immerhin ein paar Tausend Jahre zum gesellschaftlichen Kit gehörte: Kommunikation, Interaktion, Körperlichkeit. Das alles wird nicht abgeschafft, weil es auf einmal bedrohlich, falsch oder sogar gefährlich wäre – sehen wir von körperlicher Nähe in Corona-Zeiten einmal ab – sondern, wie meine jüngere Tochter in ihrer Trotzphase gerne sagte: „Weil ich es kann“. Weil wir es können – tatsächlich. Der neue Hype um „Alles-wird-in-5-Minuten-geliefert“ ist gesellschaftlich sinnentleerter Blödsinn, aber „wir können das“. Technisch. Es wird absolut niemanden von uns reicher oder glücklicher machen, aber 3-4 Gründer und ein paar große Venture Capital-Buden können schon mal den nächsten Lamborghini ordern. Echt cool. Was wir alles können.


Früher (also vor 2-3 Jahren) wurde ein „Dark Shop“ von den meisten Menschen für einen schmuddeliges Bordell gehalten. Falsch, völlig falsch. Im „Dark Shop“ verpacken dummerweise im Moment noch Menschen (Urlaubsanspruch, Sozialversicherung, Krankheit!) Waren, die online bestellt wurden und die dann von Fahrradkurieren (Urlaubsanspruch, Sozialversicherung, Krankheit!) abgeholt werden, um in Windeseile zum seit mehreren Minuten wartenden Kunden gebracht zu werden. Endlich ist das linksdrehende Joghurt mit Hanfsamen da, e-n-d-l-i-c-h! Es gab eine rührende Aufnahme eines Rentners in Brisbane, wo Woolworths gerade eine ehemalige Steinzeitfiliale in einen „Dark Shop“ umgebaut hat: Der Mann stand etwas verwirrt vor seiner Filiale, in die er nun – Neuzeit – nicht mehr hinein durfte. Ein netter Sicherheitsmann bewahrte ihn davor, von mehreren hektisch losstrampelnden Fahrradkurieren überrollt zu werden.


Wenn der humaniode Roboter in die E-unterstützen Pedalen haut, um ein paar Kisten Öko-Wein auszuliefern, entstehen wenigstens keine Rentenansprüche: Roboter mit Blutkreislauf verdienen so wenig, da wird nix in die Rentenkasse abgeführt. Derweil sitzt der hippe Jüngling mit seinem hanfgetränkten Joghurt auf dem Balkon seines überteuerten Mini-Apartments (Super-Wlan, 8qm Monitorwand) und wundert sich darüber, was die Leute auf der Straße dort machen, denn es regnet ganz leicht. Die letzte Videokonferenz ist beendet (in welchem Land lebt die Kollegin von vornhin noch mal?), jetzt wird’s gesund: Die letzte Trainingsgruppe bei E-Cycling war uncool, weil irgendein Typ beim Hochschalten immer furzte und sich weigerte, sein Mikro auszumachen – egal, es gibt noch ein paar Tausend andere Gruppen. Ob die anderen nun echte Menschen oder die megalässigen gebräunten Surferbodies nur Avatare sind – wen interessierts.


Seine Oma hatte ihn mal gefragt nach „sozialen Kontakten“ und „Freunden“. Eine typische dead generation – Frage. Er hatte hunderte, tausende von Kontakten und könnte mit einem Click noch ein paar Tausend adden, die wie er in der DigitalmarketingSEOstrategieWichtigWichtig-Branche unterwegs sind – so what! Mit leichtem Frösteln erinnerte er sich an den Tag, an dem er sich darauf eingelassen hatte, sich mit einem ehemaligen Mitschüler in einer Kneipe zu treffen. Dort saßen nur noch Leute herum, die absolut keinen Plan hatten und das zu allem Überfluss eklig eng beieinander. dead men sitting für ganz Arme. Auf die Frage „Wie geht’s Dir eigentlich?“ wollte er seinem ehemaligen Schul-Buddy seine letzte Auswertung (Gesundheit, seelisches Befinden, finanzielle Situation) auf dessen Watch transfern – der Typ hat keine! Guckt der ihn an und sagt: „Nee, ich dachte Du erzählst einfach mal“. Das Blöde, zugegeben: Wenn man gerade seinen letzten Report nicht vor Augen hat weiß man selbst nicht so genau, wie es einem geht.  „Ich meine, bei mir war die Gesamtsituation klar im 2er Bereich“ , hatte er schließlich herausgebracht. Wozu will der das wissen?


Auf jeden Fall war er heilfroh nach zwei Stunden wieder in seiner Wohnung zu sein. 5 Minuten kam das frischgezapfte Bier aus dem „Dark Pub“ und dieser Robot hatte tatsächlich nichts verschüttet, anders als dieser abgehetzt wirkende Mensch, der vor einer Woche erst verschnaufen musste, bevor er ihm das Bier gab. Womöglich hatte es sogar Schweißabsonderungen am Glas gegeben, er dachte einfach nicht darüber nach. Er sagte seinem Voice-Robot noch schnell seine Frühstücksbestellung, kuschelte sich an Anna, die nackt und warm unter seiner Bettdecke lag, flüsterte ihr ganz sanft „heute nicht“ in das so perfekt geformte Ohr und schlief ein.