Medien und die Tech-Konzerne: Die Scheidung hat begonnen

Die Medien haben lange geglaubt das die Technologie-Konzerne sie brauchen – Selbstsuggestion.

(ddna). Vergangene Woche hatte die Public Relations-Vereinigung der USA den bekannten Tech-Journalisten Eric Newcomer in ihre Silicon Valley – Freitagsrunde eingeladen (Kleine Anmerkung: Ja, in den USA kann man sich schon wieder im realen Leben treffen…): Es ging um die schmerzhafte Scheidung der US-Techindustrie von den Medien, mit denen man lange Jahre ganz erfolgreich zusammengelebt hatte. Aber die großen Tech-Unternehmen, so Newcomer, wollen einfach nicht mehr und vor allem – sie brauchen ihren (Medien)-Partner nicht mehr. In Deutschland haben das bis auf den Springer-Chef relativ wenige (gar keine?) Kommunikationsentscheider verstanden, aber das könnte ja noch passieren. Diese Scheidungsverfahren werden nicht auf die USA beschränkt bleiben. Newcomer legte seinen Finger in eine häßliche Wunde bei diesem Abend, an dem wir virtuell teilnehmen durften.


PR-Leute bemühten sich eifrig um Berichterstattung, so erinnert sich Newcomer an die 00er-Jahre und die Tech-Industrie war zuversichtlich, dass sie die Journalisten des Silicon Valley auf ihrer Seite hatten. Vor weniger als einem Jahrzehnt, sagt Newcomer, hatten Reporter und die Öffentlichkeit ein unglaublich positives Bild von Tech-Unternehmen. Gründer, Investoren, PR-Leute und die Medien schienen auf einer Linie zu liegen und die Grenze zwischen Journalismus und PR konnte manchmal verschwimmen. Newcomer betont, dass die Tech-Branche zu dieser Zeit die überschwängliche Berichterstattung, die sie oft erhielt, zu verdienen schien. Viele objektive Faktoren (Einhorn-Bewertungen, große Investorengelder und beeindruckend qualifizierte Vorstände) unterstützten die Schlussfolgerung, dass Tech-Startups die überwältigend positive Medienberichterstattung, die sie erhielten, auch verdient hatten.


Nun aber, so meint Newcomer, hat sich das Verhältnis zwischen Medien und der Tech-Industrie deutlich abgekühlt. Ehekrise, Scheidungsdebatten. Angetrieben von einer „Kultur der Verantwortlichkeit“, die während der Trump-Ära aufkam, verkörpert durch Dinge wie die #MeToo-Bewegung, sowie durch Tech-Skandale wie den Zusammenbruch von Theranos (das war diese mit 10 Milliarden Dollar bewertete Bluttest-Startup, die keine Bluttests konnte), hörten Reporter auf, die Melodie der PR zu singen und begannen, die Fehler der Tech-Industrie genauer zu hinterfragen. Dieser kritischere Trend in der Berichterstattung rufe immer häufiger heftige Reaktionen von PR-Leuten in den großen Digitalfirmen hervor, von denen einige bereits begonnen hätten, die Medien zu blockieren.


Wie reagieren Konzerne, dessen Konten und Kassen so unglaublich gefüllt sind? Die Unternehmen beschliessen, ihre eigenen Geschichten zu produzieren, anstatt sich auf Journalisten zu verlassen. Newcomer führte das Beispiel von Andreesen Horowitz (sein Venture-Fond verwaltet gerade 16 Milliarden Dollar) an, der nach dem Aufbau einer teuren internen Redaktion und einer Content-Marketing-Plattform nicht mehr auf die Presse zuzugehen scheint. Aber wo soll das eigentlich hinführen und warum?


„Es geht ihnen nur um die Kontrolle der Nachrichten und des Nachrichtenumfelds“, sagt Emily Bell, Director for Digital Journalism an der Columbia University, „sie haben angefangen,  die Talking Points zu setzen und die Medien haben einfach keine Strategie“. Und fügt hinzu: „Welche Art von Informationsgesellschaft wollen wir eigentlich?“  Emre Kızılkaya, einer der (wenn nicht der) angesehenste türkischen Journalisten und Digitalvordenkern bringt das Dilemma der nicht mehr benötigten Medien anschaulich auf den Punkt:  „Eigentlich begann der Absturz der Medien als der Share-Button bei Facebooks mobilen Apps eingeführt wurde, seitdem gings nur noch um Clicks, die Qualität der Inhalte wurde immer unwichtiger“.

Dies kommt jetzt den Technologie-Konzernen zu Gute: Die Medien sind auf den Trick mit dem Strampeln um Reichweite und Likes hereingefallen und haben ihre eigene Bedeutung an vielen Stellen geopfert – die Scheidung von ihnen kostet den großen Konzernen gar nichts mehr.