Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow beriet Macher von “Das Damengambit”

Garry Kasparov: 1985 wurde er der jüngste Schachweltmeister aller Zeiten, heute Ethik- und KI-Experte Bild: Avast


(ddna) Hinter den Kulissen der Netflix-Erfolgsserie: Schachszenen wurden schon oft  in Filmen gezeigt, doch noch nie spielten sie die Hauptrolle und erhielten so viel Zuspruch wie in der aufwändigen Netflix-Produktion „Das Damengambit“ (“The Queen’s Gambit”). Die Mini-Serie löste Ende 2020 in Deutschland einen regelrechten Schachboom aus. Hersteller von Schachspielen verzeichneten nach dem Serienstart dreimal soviel Nachfrage wie sonst.

Die Story um die fiktive US-Schachspielerin Elisabeth “Beth” Harman war 2020 die meistgesehene Serie auf Netflix. Was das Schachspiel so faszinierend und erfolgreich macht, zog bisher rund 63 Millionen Zuschauer weltweit in den Bann. Gelobt wurden unter anderem, auch von Schachexperten,  die sehr realistischen Schachpartien. Kein Wunder: der ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparov berichtet jetzt auf seinem Video-Blog, dass er die Serie in Sachen Schach beraten hat.


Das Damengambit handelt von einem Waisenkind, das seine Leidenschaft für Schach entdeckt und es dadurch in einer Männerwelt aus dem Waisenhaus in Kentucky bis in die sowjetischen Schlagzeilen schafft – trotz psychischer Probleme, Alkohol- und Tablettensucht. Sie basiert auf dem Roman von Walter Tevis von 1983. Zum Erfolg der Serie trägt die großartige Darstellung der Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy, die das Schachgenie Beth Harmon in einer Männerwelt spielt, die zeitgetreuen Kulissen und Sets, die zum Teil in Berlin gedreht wurden und die realistischen Schach-Szenen, bei denen selbst komplett schachunkundige Zuschauer mitfiebern. Das Damengambit gewann zwei “Golden Globes”, einen als beste Miniserie, ein zweiter ging an Anya Taylor-Joy als beste Hauptdarstellerin.


Ein Großmeister steckt hinter den Schachduellen

Hinter den Kulissen wirkte ein prominenter Großmeister mit: 2019 bekam der aus Baku stammende Ex-Schachweltmeister Garry Kasparov ein überraschendes Angebot von Regisseur Scott Frank. Er sollte in der Serie die Rolle des sowjetischen Schachweltmeisters Vasily Borgov übernehmen. Kasparov, der keine Schauspielerfahrung hatte, überlegte lange, dann sagte er die Rolle ab. Tatsächlich hätte es ihn wohl keine große Mühe gekostet, als ehemaliger sowjetischer Schachweltmeister einen sowjetischen Schachweltmeister in der Serie zu spielen. Stattdessen bot sich Kasparov als Berater für die Umsetzung der Schachszenen an, um das  Schachspiel vor der Kamera so realistisch wie möglich zu machen – und das offensichtlich mit Erfolg.

Kasparov zog sich 2005 in den “Schach-Ruhestand” zurück, nachdem er 20 Jahre lang als der beste Schachspieler der Welt gelistet war. Dem königlichen Spiel diente er weiterhin als Mentor, um junge schach-begeisterte Menschen zu fördern und zu inspirieren.


Authentisches Schachspiel in der Serie

Die Schachpartien im Damengambit basieren vor allem auf den Beschreibungen der Züge aus dem Roman sowie auf Kasparovs Erinnerungen und Analysen früherer Schachzüge aus Weltmeisterschaften. Er empfahl die Schachszenen so authentisch wie möglich darzustellen: „Der erste Schritt war, sicher zu stellen, dass die Schauspieler sich wie richtige Schachspieler bewegten und so aussahen“, erklärt Kasparov. Bei den Partien wurden nichts dem Zufall überlassen und auch auf Details geachtet. Kasparov berichtet, dass das Brett und die Stoppuhr im richtigen Winkel sowie im Einklang mit den Schauspielern und ihrer Körpersprache positioniert sein mussten, um authentisches Schachspiel darstellen zu können.


Die Schauspieler prägten sich dabei fünf bis zehn Schachzüge in Folge ein, um sich auf ihre Gestik konzentrieren zu können. „Schach ist nicht wie Baseball oder Basketball. Sie können nicht verstehen, was auf dem Schachbrett passiert, wenn Sie das Spiel nicht kennen. Sie können niemals fühlen was ein Schachspieler fühlt, wenn Sie kein Schachspieler sind, und auch nicht fühlen, was ein Grandmaster fühlt, wenn Sie keiner sind“, betont Kasparov.  Es ist eine große Leistung der Serie, wie Regisseur Scott Frank und Kasparov es schaffen, die Komplexität der Schachpartien im Damengambit für den Zuschauer dynamisch in Szene zu setzen und ihm das Gefühl vermitteln, hautnah einem spannenden Match mitzufiebern.


Nach Start der Serie brach ein Schach-Boom aus

Den Höhepunkt der Serie bildet die Finalpartie, eröffnet durch das Damengambit, zwischen Beth Harmon und ihrem stärksten Kontrahenten Vasily Borgov, das in Moskau stattfindet – die vielleicht fesselndste und ausführlichste Schachszene, die jemals inszeniert wurde.

Kasparov stellte für diese Szene eine Komposition aus der Weltmeisterschaft von 1993 zwischen dem US-Grandmaster Patrick Wolff und dem ukrainischen Star Wassily Iwantschuck, sowie Textausschnitten des Romans, zusammen. Während die Partie zwischen Wolff und Iwantschuck remis (unentschieden) ausging, verhalf Kasparov dank tieferer Analysen Beth Harmon in der Serie zum Titel der Schachweltmeisterin.

Einige Tage nach der Ausstrahlung wurde Kasparov von Patrick Wolff, der seine Partie in der Folge wiedererkannt hatte, kontaktiert und für die meisterhafte Analyse und Darstellung gelobt. Für Kasparov war „Das Damengambit“ die Chance zu zeigen, dass Schach dramatisch und aufregend ist. Nach dem Start der Serie brach ein Schach-Boom aus. Schachspiele und Spiele-Registrierungen für Online-Schach verzeichneten einen auffallenden Anstieg. Kasparov selbst, dessen Leben seit seiner Kindheit von Weltrekorden geprägt ist, und der Dank seiner Schachpartien für weltweite Schlagzeilen sorgte, gibt zu, „dass die fiktive Beth Harmon einen größeren Einfluss auf den populären Erfolg des Schachs hat, als ihn wahre Schachmeister je hatten.“


Garry Kasparow nach seiner Schach-Karriere

Heute ist Garry Kasparov unter anderem als Sicherheitsbotschafter bei dem tschechischen IT-Sicherheits-Unternehmen Avast tätig und widmet sich den ethischen Fragen im Verhältnis zwischen Menschen und Künstlicher Intelligenz. Ein Interesse, das er entdeckte, als er 1996 in der ersten Schachpartie gegen den IBM-Schachcomputer “Deep Blue” antrat und im zweiten Wettkampf 1997 der erste Schachweltmeister wurde, der gegen einen Schachcomputer verlor.

Kasparow wurde 1985 der jüngste Schachweltmeister der Geschichte und galt 20 Jahre lang als weltbester Spieler. Als Vorsitzender der „Human Rights Foundation“ engagiert er sich heute als Fürsprecher für Zukunftstechnologien. Er spricht weltweit über Themen wie IT-Sicherheit und digitale Zukunft und lebt mit seiner Familie in New York.


Deniz Sahin, Helge Denker