Lieferdienst Gorillas:  Wenn Sklavenarbeit die einzige Idee eines Startups ist

Traum des CEO und der Investoren von Gorillas: Noch schneller mehr liefern!


Ein Kommentar

Startups sind cool und noch viel cooler, wenn sie die legendäre „Unicorn“-Bewertung schaffen – der Unternehmenswert über 1 Milliarde Euro. So cool. Vor allem, wenn keine Idee hinter dem Unicorn steht. Nicht einmal eine, die aus einem kindgerechten Einhorn-Märchen stammen könnte. In 10 Minuten bekommst Du Deine Ware ins Haus, verspricht der – natürlich sehr smarte – Gorillas-Gründer Kağan Sümer, dessen Anteile immerhin noch um die 200 Millionen Euro wert sind. Das ist viel Geld für keine Idee.


OK, fairerweise: Der Import von afrikanischen Sklaven nach Nordamerika war zunächst auch eine durchaus gewinnbringende Innovation, zumindest für die Plantagenbesitzer. Bis entdeckt wurde, das Ausbeutung von Menschen kein nachhaltiges Geschäftsmodell ist, weil die sozialen, politischen und ethischen Auswirkungen den schnellen Gewinn vernichten. Wobei die „Gorillas“ selbstverständlich keinen Gewinn erzielen. Kein Gewinn erzielen bei Niedrigst-Löhnen und aggressives Marketing ist die Grundvoraussetzung, um ein „Unicorn“ zu werden. Merkwürdigerweise nur in Deutschland, dem Land, das nach SAP (1972) keine wirklich eigenes Startup von Weltgeltung mehr zustande bekam. Nur Klone und Kopien aus den USA. Und nun einen Lieferdienst, der sich in mehrerer Hinsicht auszeichnet (und der auch nur ein US-Modell nachahmt – GoPuff):

  • Die Dienstleistung von Gorillas deckt keinen wirklichen Bedarf ab
  • Die Dienstleistung ist nur mit Dumping-Löhnen umsetzbar (verlustreich)
  • Die Ausbeutung der Mitarbeiter muss oberste Priorität haben
  • Das einzige Ziel ist der schnelle Verkauf des Unternehmens, von denen die Mitarbeiter nichts haben werden

Die Gorillas hat nicht einmal eine eigene Software, keine eigene Technologie. Alles an IT wurde von dem libanesisch-pakistanischen Softwarehersteller Eddress gekauft oder lizensiert, der seine Tools an alle zahlungswilligen Kunden verkauft. Auch das spart viel Geld – aber noch nicht genug. Denn das Ziel des Unternehmens ist ein Warenkorb von 30 Euro pro Lieferung. Das können dann etliche Kilo an Waren sein und gleichzeitig muss jeder Fahrer/in möglichst viele Touren pro Stunde schaffen – es wird nicht besser bei den Gorillas, es wird eher noch schlimmer. Denn die Anschaffung von E-Lieferwagen beispielsweise gibt das „Geschäftsmodell“ nun gar nicht her. Nur schwerere Rucksäcke und höheres Tempo der „driver“ können helfen – dem CEO und seinen Investoren.


Das Apartheid-Regime in Südafrika wurde boykottiert – warum nicht die Gorillas?

Warum die zutiefst über „global warming“ und fehlende Radwegen besorgten U30 bei diesem Dienst etwas bestellen? Vermutlich weil es – siehe oben – total cool ist, zwischen einem Bitcoin-Trade und der Yoga-Stunde ein Six-Pack Red Bull geliefert zu bekommen. Vielleicht denken die digital nomades, Nerds und gehfaulen Studenten:innen auch, dass es viel Spaß macht, mit einem 10 Kilogramm Rucksack binnen 10 Minuten vom Warenlager in  eine Prenzlauer Altbau-Wohnung (5. Stock, kein Fahrstuhl) zu hetzen und dort dann, wie unternehmensintern vorgeschrieben, die Waren mit einem freundlichen Lächeln zu übergeben? Kann man/frau wirklich so naiv sein? So weltfremd? So uncool?


Proteste der Gorillas-Fahrer:innen können nur die Fassade ändern

„Ich habe mit Beratungsagenturen für öffentliche Angelegenheiten, mit PR-Menschen, mit Krisenkommunikations-Experten gesprochen … Sie rieten mir zur Deeskalation“, schrieb CEO Sümer in der Slack-Nachricht, die das Magazin VICE einsehen konnte. Vielleicht gibt es kostenlose Herzchen-Tatoos für alle Mitarbeiter:innen? Denn natürlich, so der Unicorn-Hirte, hätten sich alle in seinem Unternehmen fürchterlich lieb, der gerade brennende Konflikt sei – Achtung Verschwörung! – von geheimnisvollen Kräften angezettelt worden, zitiert VICE einen Zoom-Call von CEO Sümers:

„Innerhalb dieses Rahmens ist diese Eskalation eine Eskalation von externen Parteien – etwa externen Interessengruppen“.

Eine ziemlich uncoole Reaktion. Gorillas hat nichts mit dem zu tun, was Politiker:innen so gerne als innovatives Startup besuchen kommen. Gar nichts. Für einen der Hauptinvestoren, dem chinesische IT-Unternehmen Tencent mit seinen rund 500 Milliarden Jahresumsatz, dürfte das alles ziemlich egal sein. Einen Markt besetzen, dann Wettbewerber über Billigst-Angebote verdrängen oder fernhalten, anschließend als Monopolist die Preise anziehen oder verkaufen – 100x Mal gemacht. In diesem Fall vor allem Dank ausgebeuteter „driver“ und „picker“ der Gorillas-„family“. Und deutschen Kunden, die die Baumwolle für ihre Jeans auch von afrikanischen Sklaven auf Plantagen in Louisiana pflücken lassen würden, wenn die Hose dann schneller da ist und weniger kostet.