Startups: Mit Gorillas und Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ disqualifiziert

Startups schaffen Vermögen – für die Gründer:innen.

(ddna). Zum ersten Mal seit Jahren melden Statistiken einen Rückgang der Gründungen in Deutschland – auch schon vor Corona – und das ist eine gute Nachricht. Startups tragen hierzulande sehr wenig zur volkswirtschaftlichen Entwicklung, noch viel weniger aber zu Themen wie Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung oder Innovationen bei.


Wobei zwischen „Gründungen“ und „Startups“ unterschieden werden, sollte. Deutschland habe keine ausgeprägte „Startup-Kultur“ wurde medienwirksam oft bemängelt: Von denen, die neue Beteiligungsmöglichkeiten für ihre viele Millionen- und manchmal auch milliardenschweren Beteiligungsfonds suchen und denen, die es auf diese Geldtöpfe abgesehen haben. Dann gibt es – eine klare Unterscheidung ist nötig – Ausgründungen und Gründungen von kleinen, mittelständischen oder großen Unternehmen, die auf Kickertisch und täglichen Youtube-Auftritt verzichten: Diesen Gründer:innen fehlt auch die „Strategie“, auf Teufel komm raus Defizite zu produzieren, um Investoren mit „Reichweite“ zu beeindrucken. Und um kurz vorm Bankrott von dem Wettbewerber aufgekauft zu werden, der noch mehr Geld einsammeln konnte. Weil eigenes Geld investiert wird, legt man unter ernstzunehmenden Gründern sogar Wert darauf, eine belastbare Geschäftsidee zu haben. Im Gegensatz zu den meisten smarten „Startup-Unternehmer:innen“ sind Gründer:innen Menschen, die eine gute Mischung aus Kompetenz und Empathie besitzen, weil sich nur mit empathischer Führung langfristig gute Mitarbeiter:innen überzeugen und halten lassen. Auch das spielt bei Startups keine Rolle – der nächste Werkstudent:in lässt sich immer finden.


Startups Deutschland: Bloß nichts selbst entwickeln

Es gibt für Startuper:innen einen wichtigen Grund, sich mehrere Jahre mit Investoren, Businessplänen und – da war doch noch was – der Entwicklung von Dienstleistungen und Produkten zu beschäftigen. Wobei die Entwicklung von Produkten zweitrangig ist, es reicht mit entsprechend lässiger Selbstverständlichkeit Ideen aus den USA und zunehmend aus China zu kopieren. Deutschland ist kein Erfinderland, das akkurate „copy und paste“ dagegen können wir ganz gut. Den Startup-Macher:innen  – obwohl sich Gender-korrekte Sprache hier eigentlich unnötig ist, denn Startups sind in der Mehrheit sexistische Männer-Enklaven, in denen die Karriere des ewigen Werkstudenten beim fünften Bier ausgehandelt wird – arbeiten auf ein Ziel hin: Ein Berg an Geld. Berge an Geld! Für die Gründer. Die Mitarbeiter:innen, die Schar an Praktikanten und Studenten, geht meist leer aus. Ausnahmen bestätigen manchmal die Regel, aber selten.


Startup: Maximaler persönlicher Vermögenszuwachs als einziges Ziel

Deutschland ist kein Startup-Land und das machen sich, was an sich nicht verwerflich ist, die zunutze, die richtig smart und clever sind. Am besten mit einem dieser Beisheim-MBA-Princeton-Abschlüsse, denn die wichtigste Weisheit, die auf diesen von meist vermögenden Eltern bezahlten Kaderschmieden lautet: An erster Stelle musst Du für Dich selbst sorgen und den möglichst großen Reichtum anstreben – alles andere wäre blöd. An diesen Einrichtungen wird wie vor Jahrzehnten der einfachste Weg zur maximalen persönlichen Bereicherung gelehrt. Startups werden in Deutschland trotzdem für zarte kleine Unternehmens-Pflänzchen gehalten, die von der Politik verhätschelt werden müssen. Die Gründer nehmen das dankend an und grinsen hinter vorgehaltener Hand. Sie haben nicht vor der Gesellschaft, dem Staat oder wenigstens den Mitarbeitern etwas zurückzugeben.


Es gäbe sinnvolle Alternativen

Was wäre erstrebenswert? Keine Option und vage Andeutung einer denkbaren Unternehmens- und Gewinnbeteiligung, sondern einer unumstößlichen Vereinbarung: Mit Leichtigkeit ließe sich ein Faktor festlegen, in dem ein Mitarbeiter spätestens beim Verkauf des Unternehmens am Erlös beteiligt sein muss. Nehmen wir den zu Recht in der Kritik stehenden Lieferdienst „Gorillas“. Dessen Gründer (Gorillas ist eine 1:1 Kopie eines US-Unternehmens und hat keine eigene Technologie) hat das Ziel aller Startups erreicht, sein Unternehmen wird mit mehr als 1 Milliarde Euro bewertet. Dank schlecht bezahlter und  gesundheitsgefährdender Knochenarbeit von überladenen Fahrradkurieren. Der CEO hat immerhin noch Anteile von rund 27%. Würde „Gorillas“ nun verkauft werden würde der Gründer eine viertel Milliarde Euro einstreichen. Für keine Innovation, nicht einmal eine eigene Technik. Was wäre jetzt gerechter, als 240 Millionen Euro unter den Mitarbeitern auszuschütten – 10 Millionen Euro seien dem Gründer ja gegönnt. Mit 10 Millionen Euro ist man nicht verarmt, es reicht für eine kleine Yacht, ein paar Supersportwagen und eine Villa mit Pool.

Vermutlich haben viele Politikerinnen eine wirtschaftsromantische Vorstellung, wenn sie genüsslich das Wort „Startup“ aussprechen – ohne zu wissen, worüber sie eigentlich reden.  Ausnahmen müsste es geben für all die, die tatsächlich etwas entwickelt, erschaffen, erfunden oder erbaut haben – SAP ist leider steinalt und eines der wenigen Beispiele dafür. Rocket Internet, Zalando, all diese zu vielen Liefer- und Kurierdienste? Alles nur geklaut, ohne Ausnahme. Selbst das spricht noch nicht gegen die Vermögensbildung bei denen, die erfolgreich kopiert und geklaut haben – was ja gar nicht so einfach ist – aber diese Vermögensbildung sollte klar machen, dass post-industrielle Romantik und Startups zwei entgegengesetzte Dinge sind.


Ein Beirat „Junge digitale Wirtschaft“ möchte einen Presse-Maulkorb

Was muss aber passieren, wenn es in dem Startup mal nicht so läuft? Wenn der große Cash-Regen durch den Börsengang auf sich warten und warten lässt? Es braucht Schuldige dafür, natürlich. In den Stilen von Querdenkern und Corona-Leugnern hat ein wirklich wichtiges Organ der deutschen Startup-Kultur denselben Schuldigen ausgemacht: Die Medien! Die Presse! Drei Autor: innen, von denen zwei bereits von ihrer Verantwortung nichts mehr wissen wollen hat der Trumpsche Aufruf zur Medienknebelung durch den Regierungs-Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“. Einer der drei, Christoph Gerlinger, hat das ehrenwerte Gremium, von dem man bislang (offenbar zu Recht) wenig bis gar nichts gehört hat, bereits verlassen. Warum dies die gerne auf Podien präsente Lea-Sophie Cramer, Startupperin von „Amorelie“ nicht tun möchte ist eigentlich noch bezeichnender als Gerlingers Rücktritt. Cramer erklärt, warum zwar ihr Name unter dem Entwurf stand, sie aber gar nichts damit zu tun hat: „Durch die Umstellung auf eine agilere Arbeitsweise haben sich die Entscheidungsprozesse innerhalb des Beirates stark verändert. Wichtige Checks-and-Balances-Vorgänge… haben nicht ausreichend stattgefunden“.

Ernsthaft? Die Speerspitze der jungen digitalen Wirtschaft kann selbst bei gesellschaftlich höchstrelevanten „Positionspapieren“ nicht vernünftig digital arbeiten? Cramer kann nicht das, was inzwischen der mittelständische Verband der linksrheinischen Holzwirtschaft drauf hat? Remote arbeiten und abstimmen?  Alex von Frankenberg, der Geschäftsführer des Hightech-Gründerfonds, schweigt zu allem vornehm. Gut beraten offenbar! Die drei haben eigentlich nur die Pressefreiheit a bissl abschaffen wollen und den Medien vorschreiben, wie sie gefälligst in Zukunft über Startups zu schreiben haben. Wie abgehoben muss man sein, um so ein Papier zu verfassen?


Startups wären mit wirklichen Innovationen&Nachhaltigkeit unglaublich wichtig

Das Deutschland seit Jahren und Jahrzehnten kaum eigenständigen technischen Innovationen aus diese Startup-Unkultur hervorgebracht hat kann nicht verwundern. Ein Lichtblick ist die FinTech-Branche, in der Gründer:innen mit viel Banken und Finanzwirtschaftserfahrung unterwegs sind. Dieses ganze Konglomerat aus Lieferdiensten und Klamotten-Online-Shops – nichts daran ist international erfolgreich, nichts davon ist eine wirklich eigene Entwicklung, nichts davon ist gesellschaftlich nachhaltig. Aber, liebe Lea-Sophie Cramer, Alex von Frankenberg und Christoph Gerlinger vom Beirat „Junge digitale Wirtschaft“ – so etwas soll ja in Zukunft nicht mehr geschrieben werden dürfen.


Was wäre sinnvoller?

Den Hype um die „Startups“ endlich als endlich anerkennen und die Gelder und das politische Interesse dahin lenken, wo Deutschland seine Stärken hat: In technologischen Schlüsseltechnologien und in den Mittelstand.

  • Förderung und Unterstützung von Mittelständlern bei der Entwicklung und vor allem bei der internationalen Vermarktung neuer Produkte,
  • Viel intensivere Förderung der Zusammenarbeit von unseren herausragenden Forschungsinstituten mit der freien Wirtschaft
  • Task Forces, die helfen, aus den oft überorganisierten Konzernen heraus agil arbeitende neue Bereiche mit neuen Produkten zu schaffen

Bei diesem Weg wäre zwar der Coolness-Faktor wesentlich geringer, aber wirtschaftlich und gesellschaftlich würde Deutschland viel mehr damit gewinnen als eine labile desorientierte „junge digitale Wirtschaft“.