Nicht impfen ist Freiheit – aber welche Freiheit ist gemeint?


Haben Sie heute schon über den Klimawandel, schlecht bezahlte Pflegekräfte, den vergessenen Krieg im Jemen und die Migranten an der polnischen Grenze nachgedacht? Haben Sie heute wenigstens eine neue digitale Fähigkeit gelernt, um nicht zu den „digital Abgehängten“ zu gehören? Über die steigenden Ölpreise und russische Gaspipelines diskutiert? Nein? Noch größer als der Verdruss über das Nicht-Impfen-wollen kann nur die Ratlosigkeit sein, mit der den Impfgegnern begegnet wird. Ich würde ihnen keine Bösartigkeit unterstellen, ­ es ist die finale Überforderung vieler Menschen mit einer Welt, die immer mehr frei dreht, die keine Verlässlichkeiten für gar nichts mehr bietet.


Der Rückzug ins Schneckenhaus ist nicht möglich, wir wollten die totale Globalisierung und wir haben sie bekommen. Nur noch selten kann sich ein Mensch dem immer schneller werdenden Takt entziehen, so absurd blödsinnige Startups wie Gorillas sind Milliarden schwer geworden, mit dem Versprechen, wirklich alles in 10 Minuten nach Hause zu liefern. Die Billigjeans aus Kambodscha bringt Amazon ab nächstes Jahr auch nachts. Ist das nicht schön? Sich nicht mehr entziehen können führt zu dem Paradox, dass eine wissenschaftlich ohne Zweifel höchst sinnvolle Maßnahmen wie das Impfen gegen eine Pandemie als Angriff auf die eigene Person verstanden wird. Narrisch wäre es, das Begründung der Impfgegner „Einschränkung der Freiheit“ ernst zu nehmen. Darum geht es nicht.


Dass vor allem in Ostdeutschland diese „Freiheit“ so radikal und lautstark beschworen wird, macht deutlich, dass an der Argumentation etwas nicht stimmen kann. Dem Deutschen und der Deutschen wird ohnehin von Nachbarvölkern Obrigkeitstreue und Kadavergehorsam nachgesagt. In Ostdeutschland hat man es geschafft, sich von 1933 bis 1989 fast durchgehend in Diktaturen einzukuscheln – jetzt ist die von den Montagdemonstrationen erstrittene Freiheit durch eine Impfung bedroht? Ernsthaft? In Westdeutschland dürfen Immobilienpreise explodieren und die Mittelschicht langsam aber sicher aus den Innenstädten vertreiben – aber die „Freiheit“ wird durch eine Impfung bedroht? Diesen Freiheitsbegriff, der da missbraucht wird, gibt es in der Geschichte und in der Literatur nicht. Gäbe es ihn, dann hätten wir auch das Recht auf Kinderlähmung, Masern und Röteln nie aufgeben dürfen.


„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – das war nicht die erste Parole der französischen Revolution. Wenige Tage bevor die Pariser Revolutionäre  diesen Leitsatz erstmals verbreiteten, ließ der Bürgermeister von Étampes das Motto „Freiheit, Gleichheit, Eigentum“ verkünden. Heute passt dieses „mission statement“ ohne Zweifel viel besser als die Mär von der Brüderlichkeit  (wie gendert man „Brüderlichkeit“?). In unserer Zeit, in der ein Elon Musk mehr Geld besitzt als 10.000 Generationen seiner Familie ausgeben könnten, selbst bei gehobener Lebensqualität. Ist es diese Angst um das Eigentum, das Impfgegner antreibt?


Auch das erscheint unwahrscheinlich, denn alle Maßnahmen, die zum Schutz vor den Viren ergriffen werden, dienen ohne Zweifel dem Schutz von Fabriken, Büros, Firmen, Unternehmen, die sonst bereits Heerscharen von arbeitsunfähigen Mitarbeitern zu verzeichnen hätten. Und das ein normaler Mensch von Covid-19 zumindest krank werden kann, streiten nur noch im Nirwana befindliche Highend-SchwurblerInnen ab.  Schwer nachvollziehbar, aber offenbar akkurat belegt ist diese Befragung und Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik aus dem Oktober:

Personen im unteren Viertel der Einkommensverteilung wollten sich häufiger nicht impfen lassen oder waren unentschlossen, während für die höheren Einkommensviertel das Gegenteil zutraf. Dieses Ergebnis wird durch die subjektive Einschätzung der Menschen gestützt: Diese wurden gefragt, wie schwer es für sie ist, „über die Runden zu kommen“. Nahezu 30 Prozent der Personen, die angaben, nur „mit großen Schwierigkeiten“ über die Runden zu kommen, waren unentschlossen oder lehnten die Impfung ab, während es bei denjenigen, die angaben, „leicht“ über die Runden zu kommen, nur 7,8 Prozent waren.

Der Schluss dieser 30 Prozent Impfskeptiker heißt also: Durch eine Impfung geht es mir wirtschaftlich unter Umständen noch schlechter. Diese (absurde) Annahme begreifbar zu machen kann kein Soziologe, kann kein Ökonom –  hier sind Psychologen und Psychoanalytiker gefragt. Später, in einer Rückbetrachtung, vielleicht sogar Philosophen:innen.


Ist es dann die „Gleichheit“? Danach dürfte es aber nicht nur keine Impfpflicht geben, im Gegenteil: Das Impfen müsste verboten werden. Denn eine Mehrheit von rund 80 Prozent, die sich nach ihrer Überzeugung hat schützen lassen, so zu behandeln wie die, die darauf keinen Wert legen, wäre ein hohes Maß an Ungleichheit – eine Diktatur der Minderheit. Das ausgerechnet die ehemals liberale FDP dem Modell der Minderheitsdiktatur so viel abgewinnt ist irritierend. Auch die französische Revolution, diese Mutter aller Freiheiten, kann nicht weiterhelfen. Welche Freiheit ist gemeint?


Selbst seriöse Zeitungen stellen vorsichtig die Frage, ob diese Behauptung von Freiheitswillen nicht etwa – man mag es kaum aussprechen – Dummheit ist. Dumm, dies sei schnell hinterhergeschoben, können selbstverständlich auch Akademiker sein. Dummheit meint die Unfähigkeit, sich auf neue Situationen und Herausforderungen einstellen zu können. Ein Akademiker mit einem aus vielen Büchern angelesenen abrufbaren Wissen kann also genauso dumm oder dümmer sein wie der angelernte Hilfsarbeiter, der Bücher nicht als seine Freunde empfindet. Dummheit – garniert mit einer Prise von Unbehagen, diese Welt so gar nicht mehr zu verstehen und auch nicht verstehen zu wollen. Zitiert sei hier ein Mensch, von dem eine vernunftbegabte Mehrheit sagen würde, er sei ein wirklich schlauer Kopf gewesen. Ein wirklicher Querdenker, aber im positiven Sinne. Bevor Deutschland ihn am 9.April 1945 in Flossenbürg ermorden ließ sagte Dietrich Bonhoeffer

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.
Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich
bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das
Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem
es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen
die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit
Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen
nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen,
brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen
wird der Dumme sogar kritisch, und wenn sie unausweichlich
sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite
geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum
Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich,
indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist
dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber
dem Bösen.

Der Verhaltensforscher Armin Falk von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte bereits im Juli das Nein zu Corona-Schutzimpfungen in ungewöhnlich scharfer Form kritisiert. „Die Allgemeinheit muss hier zahlen für die Trägheit und die Dummheit der Impfgegner“, hatte Falk der FAZ gesagt – es gab den erwartbaren Shitstorm und die üblichen schnellen Distanzierungen. Leider, hätte man in Juli diese Aussage ernster genommen, wären jetzt ein paar Weihnachtsmärkte mehr geöffnet. Man hätte nur das mit der „Freiheit“ richtig erklären müssen. Denn irren ist menschlich.