Nach Corona: Moderate islamische Länder wie Marokko endlich wieder besuchen


Sie glauben, dass man besser gar nicht mehr in arabische Länder reist? Im Gegenteil, die islamischen Länder, die sich trotzt Armut und gesellschaftlicher Probleme jedem Extremismus verweigern, sollten von möglichst vielen Europäern besucht werden, wenn die Grenzen „nach Corona“ wieder öffnen. Nicht nur weil das Geld der Touristen eine wichtige Einnahmequelle ist und damit zur Stabilisierung der Länder beiträgt, sondern auch, weil jedes Gespräch und jeder Besuch hilft, aufgerissene Gräben nicht noch tiefer werden zu lassen.


Ohne Probleme kann man sogar mit kleinen Kindern beispielsweise Marokko besuchen, dessen bekannteste Stadt exotisch und gastfreundlich ist und deren Bewohner Besucher durchweg freundlich empfangen: Marrakesch, die orientalische Prachtstadt zwischen Atlasgebirge und Sahara. Schon wenn Sie mit einem der preiswerten und uralten Mercedes-Taxen vom Flughafen zur Altstadt fahren werden Sie sehen, dass überall orientalische Geschäftigkeit herrscht, nicht aber Beklemmung und Unsicherheit. Hunderte von fliegenden Händlern sind unterwegs, Frauen mit oder ohne Kopftuch knattern auf alten Mopeds vorbei und Eselskarren versuchen, in dem Verkehrschaos voranzukommen.


Spätestens wenn Sie vor ihrem Riad, einem der uralten Hotels in der Medina, der Altstadt, angekommen sind, werden Sie das erste Geheimnis des Orients lüften. In einer unscheinbaren, lange nicht neu verputzten hohen Mauer öffnet sich eine stabile Holztür und dahinter verbirgt sich etwas völlig unerwartetes: ein arabischer Prachtgarten, der Boden ausgelegt mit oft jahrhundertealten Mosaiken, in der Mitte ein Wasserbassin mit einem leise plätschernden Springbrunnen, umrandet von Orangenbäumen. Die schwere Tür fällt zu und sperrt den Lärm der beginnenden marokkanischen Nacht aus, niedrige Sofas mit einer Fülle bunt bestickter Kissen ziehen magisch an, mit dem ersten von drei zu trinkenden, erfrischenden Pfefferminztees beginnt die Reise in eine andere Welt endgültig.


„Nun, bei uns ist der islamische Sonntag nicht der Freitag“, erläutert schmunzelnd Dr.Hakim, „dazu treiben wir  viel zu viel Handel mit Frankreich und Spanien“. Und so wurde in Marokko der Freitag pragmatisch zum Arbeitstag erklärt, damit die Geschäfte mit Europa auch an diesem Tag weiterlaufen können. Der Unternehmens- und Tourismusberater gehört zu denen, die von dem leichten wirtschaftlichen Aufschwung des Landes profitieren, genau wie viele Frauen des Landes: „Ohne Frauen in Führungspositionen könnten wir die Nachfrage nach qualifizierten Leuten überhaupt nicht decken, auch wenn das für ältere Marokkaner noch sehr ungewohnt ist“. Fährt man von Marrakesch Richtung Atlas-Gebirge fallen öfter Hinweisschilder auf, die den Weg zu den links und rechts der Straße liegenden landwirtschaftlichen Frauenkooperativen zeigen. Landwirtschaftliche Betriebe komplett in Frauenhand – undenkbar bei fast allen anderen arabischen Nachbarländern.

Der Platz der Gaukler in Marrakesch – ab dem Frühjahr vermutlich auch wieder für Besucher offen


Zu der für arabische Verhältnisse weit fortgeschrittenen Emanzipation trägt die Ehefrau des Königs Mohamed VI, Prinzessin Lalla Salma, nicht unerheblich bei. Die studierte IT-Ingenieurin gilt als eine der treibenden Kräfte der marokkanischen Modernisierung. Das die Königsfamilie selbst immer noch zu viel Macht hat und vor allem viel zu viele eigene wirtschaftliche Interessen im Land verfolgt, ist nicht nur die Schuld des reformwilligen Monarchen, der seinem eisenhart  regierenden, despotischem Vater auf dem Thron folgte. Ähnlich wie in EU-Griechenland gibt es auch in Marokko eine untereinander sehr gute vernetzte, kleine Oberschicht, die mit großem Beharrungsvermögen versucht, tiefgreifende Reformen zumindest zu verzögern. Auch gegen den schwunghaften Handel mit Israel gibt es von Seiten islamistischer, aber bislang gewaltfreier Parteien immer wieder Proteste. Aber selbst dass das Grenzgebiet zu Mali mit israelischen Drohnen überwacht wird und zwei der engsten Berater des Königs jüdischen Glaubens sind wird nur von einer Minderheit kritisiert.


Wer abends von der Dachterrasse seines Riads aus auf die Jahrhunderte alte, laute und geschäftige Altstadt mit seinen letzten jüdischen Silber- und Schmuckläden, den nur von Frauen betriebenen Berber-Apotheken und die lässig mit dem Iphone zwischen Eselskarren durchschlüpfenden Studenten blickt sieht schnell, dass die arabische Welt eine unglaubliche Vielfalt bietet. Die größte Angst in Marokko, die immer wieder relativ offen angesprochen wird, ist die Angst vor aus dem Ausland einfallenden „Gotteskriegern“ und vor einem dann unweigerlich beginnenden wirtschaftlichen Niedergang.


Wolfgang Zehrt